Am andere Ende der Welt – Fortsetzung der Publikation in deutscher Sprache (Endе) (30.12.2021)


 

Nelli Kossko

 

Ein echter Laubbaum und noch mehr ... 

Wir sind total aus dem Häuschen, umarmen den kleinen Baum vor dem Flughafen, schmiegen uns an ihn, streicheln seine Äste, seine samtenen grünen Blätter, die echten, weichen, lebendigen Blätter, die wir nach Jahren zum ersten Mal wieder sehen und fühlen können! Jemand, der nicht weiß, woher wir kommen, muss uns für verrückt halten; wir achten aber nicht drauf und weinen fast vor Freude und Begeisterung – willkommen in der normalen Welt, in einer Welt, in der uns noch sehr, sehr viele Wunder dieser Art erwarten!

Das nächste liegt uns schon zu Füßen: Chabarowsk, die in grün gebettete Stadt aus weißem Stein am Amur, dem größten Strom im Fernen Osten der UdSSR. Hier sind wir gelandet, nachdem man uns, eine Gruppe Abiturienten aus unserer Schule, vor vier Stunden in Sussuman verabschiedet und ins Flugzeug verfrachtet hat.

Wir hatten es eilig, wegzukommen, waren aufgedreht, nervös und taten unbekümmert, doch tief im Inneren hatten wir panische Angst, denn wir verließen die Geborgenheit unseres Heims und gingen in die Ungewissheit. Da war mir das verweinte Gesicht meiner Mutter keine Hilfe, am liebsten hätte ich auch losgeheult. Nach achtzehn Jahren ging ich zum ersten Mal für längere Zeit, vielleicht für immer von zu Hause weg. Und ich ging nicht etwa in den Nachbarort, nicht einmal nach Magadan, ich ging in das 9000 Kilometer entfernte Swerdlowsk im Ural, um an der dortigen Universität Journalistik zu studieren.

Sicher gab es auch andere Möglichkeiten, doch Eddie hatte darauf bestanden, dass ich mich möglichst weit weg von der Kolyma, einem der schlimmsten Zentren des Archipel GULag niederlassen sollte, denn da ist es, meinte er, doch etwas sicherer, wenn sich die Zeiten wieder ändern sollten.

Mama unterstützte ihn, weil der größte Teil unserer Verwandtschaft, ihre drei Schwestern, Oma und Opa und auch eine Schwester von Papa, nach Kriegsende in den Ural, dem Gebirge, das Europa von Asien teilt, verschleppt wurden und in der Nähe von Swerdlowsk in einer Goldmine ihre Fron ableisteten. Warum Mama auf die Nähe zu den Tanten so großen Wert gelegt und diesem Umstand so große Bedeutung beigemessen hatte, konnte sie sich wahrscheinlich selber nicht so richtig erklären: Ihre Schwestern würden der Aufsichtspflicht, die sie ihnen zugedacht hatte, doch nicht nachkommen können. In Swerdlowsk wäre ich weit weg vom Schuss und wüsste mich jeglicher Kontrolle zu entziehen.

Aber der Gedanke, dass ich nicht allein in der fremden Welt bin, schien Mama zu beruhigen, und so setzte sie sich mit Swerdlowsk durch.

Eddie, aber auch Mama bläuten mir ein, mein Jäckchen nicht aus den Augen, geschweige denn aus den Händen zu lassen und nach der Ankunft in Serdlowsk sofort den Tanten zum Aufbewahren abzugeben.

Sobald ich die Zulassung zu den Aufnahmeprüfungen an der Uni bekommen hätte, sollte ich weiter nach Moskau reisen und dort die deutsche Botschaft aufsuchen.

 

Wie viele von den guten Ratschlägen übrig blieben, sah ich nach nur vier Stunden, denn wir fanden uns in einer anderen Welt wieder, wähnten uns fast auf einem anderen Planeten, da vergaß man, zu atmen, geschweige denn die Ratschläge von zu Hause zu befolgen, so gut sie auch gemeint waren.

Wir zogen durch Chabarowsk, rasteten dort in den Parks; es war Sommer und wir genossen die Wärme, die Sonne, das üppige Grün und die mit tausenden Düften geschwängerte Luft. Sergej, der sich keine Minute von seiner Gitarre trennte, klimperte ein Lied nach dem anderen, wir sangen oder summten einfach leise mit, trugen unsere Lieblingsgedichte vor, waren trunken von der Luft, der Sonne und der Freiheit.

Unser Zug ging am späten Abend. Als wir am nächsten Morgen aufwachten, waren wir schon weit weg von Chabarowsk, und richteten uns, so gut es ging, auf die zwölftägige Fahrt ein. Ich musste mich nur wundern, wie anders alles war im Vergleich zu unserer Reise nach Magadan vor fünf Jahren: der Zug, die Passagiere, die Zugbegleiter waren anders, ja selbst die Gegend hinter dem Fenster sah fiel schöner und freundlicher aus.

Es lag ganz offensichtlich daran, dass ich mit Freunden Reise und keine Feindseligkeit zu erwarten hatte. Oder daran, dass ich ein freier Mensch war, wie alle anderen? Das wohl weniger, denn diesbezüglich erlaubte ich mir, keine Illusionen zu haben.

Die Atmosphäre in unserem Abteil tat mir gut, und zusammen mit meinen Freunden träumte ich vom lustigen, sorglosen Studentenleben voller Romantik, das wir uns nur so vorstellen konnten, wie es in den Büchern beschrieben stand. An die weniger angenehmen Seiten, wie Arbeit, Entbehrungen und Heimweh dachte keiner von uns in diesen Tagen, als uns der Zug immer weiter von dem alten Leben wegbrachte.

Unser früheres Leben blieb irgendwo weit zurück und wurde immer irrealer. Wir standen schon mit einem Fuß in dem neuen Abschnitt und übten für die Zukunft, wenn Emmi, die große Reporterin, aus Moskau berichten werde, der Diplomat Roman einen Empfang in seiner Botschaft gebe, wenn Ella, die Schauspielerin und Tänzerin, mit ihren Konzerten einen Erfolg nach dem anderen feiere, Sergej Raketen in den Himmel schicke und Eva eine neue Rose im Botanischen Garten zu Moskau züchte.

Wir würden die Welt aus den Angeln heben, denn wir waren junge Romantiker voller Tatendrang ...

Städte flogen vorbei: Birobidshan, Ulan-Ude, Tschita, Irkutsk …

IRKUTSK!!!

Ich war nur noch ein Häufchen Unglück, denn da der Zug in Irkutsk 10 Minuten hielt, schickten die Jungs unserer Gruppe Sascha aus Chabarowsk ein Telegramm und verabredeten sich mit ihm.

Nun fieberten alle dem Zeitpunkt entgegen, wann der Zug in Irkutsk eintreffe.

Dann, als es so weit war, drängelten sich alle am Ausgang, sprangen auf den Bahnsteig, umarmten Sascha, einen lachenden, aber zugleich ernsthaften, erwachsenen Sascha, der immer noch so gut, nein, noch viel besser aussah, und überschütteten ihn mit Fragen.

Ich blieb zurück und beobachtete die Gruppe vom Fenster aus im Schutz der Gardine, sah Sascha lachen und sich immer wieder ungeduldig umdrehen, als suchte er nach jemand in der Menge. Er war wie ein Messerstich, jener suchende, ja verzweifelte Blick aus seinen großen, grau-blauen, durchdringenden Augen, und ich musste all meine Kräfte zusammennehmen, um nicht hinauszulaufen. Als der Zug anfuhr, sah er mich im Fenster und rannte noch lange fassungslos neben dem Waggon her. Er winkte mit beiden Armen, rief etwas, ich konnte ihn nicht verstehen, las es aber von seinen Lippen ab: „Emmi, Emmi!“

Dann endete der Bahnsteig und Sascha blieb zurück – endgültig, für immer.

Ich verkroch mich auf eine der obersten Bänke und stellte mich schlafend.

Meine Freunde schwiegen betroffen, versuchten das Thema Sascha zu vermeiden. Ich hörte sie unten tuscheln, bis Eva es nicht aushielt und laut und vorwurfsvoll nach oben zu mir schreit: „Du hast ein Herz aus Stein! Er war nur deinetwegen gekommen, hat immer wieder nach dir gefragt. Ganz sicher wäre er mit uns mitgefahren, hättest du nur ein Sterbenswörtchen gesagt! Nur ein Wort!“

Sie war wütend, und ich konnte es ihr nicht übel nehmen. Aber Eva kannte die Wahrheit nicht, nicht den Grund für Saschas Abgang von der Schule.

Verrat bleibt Verrat, und wahrscheinlich konnte ich ihm nicht verzeihen, nicht vergessen.

Ich schwieg, hätte auch kein Wort über die Lippen gebracht, denn mein Herz aus Stein tat weh, ganz furchtbar tat es weh, als ob ein Messer hineingejagt, da umgedreht wurde und stecken geblieben wäre.

„Es ist so wie es ist, und man kann nichts ändern“, erinnerte ich mich an die Zeile in seinem Brief und krümmte mich vor Schmerz, der fast physisch war: Wenn das Liebe sein sollte, warum tat sie dann so weh?

Die heißen bitteren Tränen brachten keine Erleichterung. Schweren Herzens fällte ich dann eine Entscheidung, zog entschlossen einen Schlussstrich. Die Liebe war gestorben, die gab es eigentlich gar nicht, zumindest für mich nicht, denn ich würde nie mehr jemand glauben können. Mama hatte schon recht, man durfte den Männern nicht trauen!

Sascha blieb in der Vergangenheit, ich aber musste an die Zukunft denken. Die würde ohne Sascha mit seinen Witzen, seiner Frohnatur und seiner Liebe wohl weniger schön sein, aber ich nahm mir fest vor, sie zu meistern und ohne Liebe auszukommen.

 

Zurück in die Vergangenheit

 

In jeder größeren Stadt steigt jemand aus unserer Gruppe aus.

Als ich in Swerdlowsk, meiner Endstation, den Zug verlasse, ist sie auf drei Leutchen geschrumpft, davon fahren zwei nach Gorkij und einer nach Moskau weiter.

Nun stehe ich ganz allein auf dem Bahnsteig in der quirligen Menschenmenge und weiß nicht, wohin mich mein Fuß in der nächsten Minute setzt.

Es ist Sonntag, deswegen muss ich meinen Antrittsbesuch bei der Uni auf den nächsten Tag verschieben. Außerdem habe ich noch kein Dach über dem Kopf, und eine Bleibe zu besorgen, ist keine leichte Aufgabe in einer wildfremden Stadt, wo man keinen Menschen kennt. So beschließe ich, zuerst meine Tanten zu aufzusuchen.

Ein Bus fahre nach Zolotorudnoje, sagt man mir bei der Auskunft, und es seien nur 30 Kilometer bis dahin.

Das klapprige Gefährt, das da Bus heißt, kriecht langsam die holprige Strasse entlang und hält nach zweistündiger Fahrt schließlich an der Goldmine, zu der die Siedlung Zolotorudnoje gehört. Als ich, kräftig durchgerüttelt und schwankend, aus dem Bus steige, packt mich das Grauen: Da stehen sie in Reih und Glied, die Holzbaracken für die verbannten deutschen Sondersiedler, wie wir sie in Gorki im Kostromagebiet hatten, die Ungeheuer mit kleinen Fenstern, langen dunklen Gängen und unzähligen Türen, hinter denen auf engstem Raum in einem Zimmer zwei bis drei Familien, nein, nicht wohnten, nicht hausten, sondern dahinvegetierten.

Die ganze Siedlung besteht nur aus diesen Baracken, nichts ist zu sehen, außer diesen scheußlichen, grauen Ungetümen, sogar der Laden und der Klub sind in Baracken untergebracht.

Die Vergangenheit scheint mich eingeholt zu haben, ich fühle mich in die schlimmste Zeit unseres Lebens in Russland zurückversetzt: in die Zeit nach dem Krieg. Mir graut vor diesem Bild, und meine erste Regung ist, kehrt machen und wegrennen von hier, weit, weit weg.

Doch ich muss zu meinen Tanten, und so frage ich mich durch und erfahre, dass meine Lieblingstante Erna in der Baracke Nummer 25 wohnt, ganz am Rande der Siedlung.

Man weiß nicht, dass ich komme, ich habe mich nicht angemeldet, will meine Tanten überraschen.

Es ist Mittag, und – wie vor dem Krieg noch in den deutschen Dörfern üblich - „zu Hause“, das heißt, in den deutschen Kolonien, sitzt man nun nach dem „Kirchgang“ beim Mittagessen.

(Später klärt mich Tante Erna auf, dass man sich jetzt, wo es keine Kirchen mehr gibt, abwechselnd bei jemand zu Hause versammelt und dass diese Gottesdienste dementsprechend „Versammlungen“ heißen.)

Ich klopfe an, mache die Tür auf und wünsche einen guten Tag. Am Tisch sitzen drei alte Frauen, die bei meinem Anblick große, runde Augen bekommen. Es ist, als sähen sie ein Gespenst. Eine der Frauen lässt den Löffel aus der Hand fallen, die andere fasst sich an die Brust.

Ich werde unsicher, wiederhole den Gruß und bleibe weiter schüchtern an der Türschwelle stehen. Nichts passiert. Die drei Frauen starren mich entsetzt an und schweigen.

„Marie?“, fragt mehr als sagt eine der Frauen unsicher mit heiserer Stimme. „Ist es denn die Möglichkeit? Marie?!“, wiederholt sie.

Ich habe begriffen und beeile mich, den Irrtum aufzuklären.

Ich soll in der Tat meiner Mutter sehr ähnlich sein, wie aus dem Gesicht geschnitten, behaupten auf alle Fälle die, die meine Mutter als junges Mädchen gekannt haben. Sogar unsere Stimmen sollen zum Verwechseln ähnlich klingen. Das hat nun auch meine Tanten getäuscht, die meine Mutter, ihre Schwester, zum letzten Mal vor dem Krieg gesehen hatten. Dass sie in diesen mehr als 15 Jahren eine alte Greisin geworden ist, wie übrigens auch ihre Schwestern, konnten sie sich nicht vorstellen.

Ich muss erzählen, immer wieder von vorn anfangen, denn es kommen ununterbrochen neue Verwandte hinzu, und ich muss staunen, wie viele es sind.

Die Tränen meiner Tanten wollen nicht versiegen. Auch sie haben eine Menge zu erzählen über ihre Leiden und die ihrer Kinder.

Meine älteren Kusinen, die als junge Mädchen in die Goldminen untertage arbeiten mussten und karge Lebensmittelrationen bekamen, husten manchmal die ganze Nacht durch: Es hört sich an, als würden sie ihre Lungen heraushusten. Die weit verbreitete gefährliche Krankheit, die hier die halbverhungerten Menschen in den Tod holt, heißt „Silikose“. Der Staub von Silizium setzt sich bei der Arbeit unter Tage in den Lungen fest, und die Siliziumsäure zerfrisst allmählich die Atmungsorgane.

Auf dem Friedhof der Siedlung, der in der Nachkriegszeit um das zwanzigfache gewachsen ist, sind neben Oma und Opa fünf ihrer Enkel und zwei ihrer Töchter begraben, und es ist nur eine Frage der Zeit, wie viele noch folgen werden, denn die meisten, die damals in den Minen arbeiten mussten, haben verseuchte Lungen.

Die Kusinen und Cousins in meinem Alter mussten nicht mehr zwangsweise in die Grube und sind etwas anders – aufgeschlossener, fröhlicher, lustiger.

Stutzig macht mich nur ihr Hass auf die Russen und alles Russische.

Ich fühle mich wieder in die Kindheit zurückversetzt, in die Zeiten im Kostroma-Gebiet, als die Deutschenhetze mir das Leben zur Hölle gemacht hatte, und danke Gott, dass ich in der eisigen Kolyma gelandet war, wo solche „Kleinigkeiten“ wie Nationalität übersehen wurden, weil die meisten Einwohner sowieso zu den Verdammten gehörten.

Hier aber lag eine ganze deutsche Siedlung, um die herum der Zaun erst vor kurzem mit dem neuen Dekret abgerissen wurde, mitten im „feindlichen“ Lager. Ganze Armeen russischer und deutscher Jugendlichen gingen aufeinander los, und an ein friedliches Zusammenleben war einfach nicht zu denken. Die einen glühten vor „gerechtem Hasse gegen die deutschen Faschisten“, die anderen wollten sich diese Hetze und Hatz nicht gefallen lassen und wehrten sich standhaft.

Ohne besonderen Grund ließ sich kein Russe in der Siedlung blicken, man blieb unter sich. Besonders in der Freizeit wollte man keine Fremden dabei haben.

Als ich am Samstagabend mit meinen Kusinen zum Tanz in den Klub wollte, stellte sich eine ganze Mannschaft vor dem Eingang auf und versperrte uns den Weg.

„Wir wollen hier keine Russen haben!“, warnte einer der Jungs und sah mich an.

„Wo siehst du hier Russen?“, fiel ich meiner Kusine Lore ins Wort, die gerade etwas erklären wollte. „Ich sehe keine. – Aber ein paar Esel schon!“, fügte ich in unserem schwäbischen Dialekt hinzu, in dem er mich angesprochen hatte, packte Lore an der Hand und wir gingen hinein.

Das Eis war gebrochen, ich gehörte von nun an dazu, fast dazu, denn man blieb bei aller Freundschaft gewissermaßen auf Distanz. Ich studierte, also war ich aus einer anderen, fremden und vielleicht auch feindlichen Welt.

Einige waren sogar der festen Überzeugung, man sollte keine Opfer bringen und studieren, es würde einem Deutschen nichts bringen: So oder so bringt er sich nur als „Studierter“ in Gefahr, sich und seine Familie.

„Schuster, bleib’ bei deinem Leisten“, pflegte Eduard zu sagen und sah mich dabei an, „so gefährdest du weder dich, noch die deinen.“

Wieder andere meinten, jetzt könne man gut verdienen, deshalb sollte man arbeiten gehen, denn später, wenn man eine Familie habe, könne man sich auch „a Heisle baua“.

Ich fühlte mich wohl in ihrer Runde, sehr wohl, obschon ich solche Ansichten nicht teilte, nicht teilen konnte. Meine neuen Freunde waren lustig, lustiger als sonst jemand, den ich kannte, sie konnten so herzerfrischend lachen! Und sie waren diejenigen, zu denen ich gehörte, gehören wollte!

Später, während des Studiums, werde ich ganz oft und sehr gern hierher kommen, hierher, wo die grässlichen Baracken stehen, und die Studentenwelt, die jetzt meine geworden ist, hinter mir lassen.

Denn hier bin ich einfach „a deitsches Mädle“, darf „mei Deitsch verzähla“, brauche nicht auf der Hut zu sein, muss mich nicht anpassen, verstellen, so tun als ob … Ich bin zu Hause, zumal man mich in der Siedlung angenommen und akzeptiert hat, „ich bin „drhoim“.

Es ist meine Welt, auch wenn ich sie immer wieder verlassen und in die andere gehen werde. Aber ich kehre immer wieder gerne hierher zurück, und so geht es mir dann später mein Leben lang.

 

Manche sind doch gleicher …

 

Ich atme kaum, als ich die heilige Stätte betrete, und bleibe mitten im Vestibül der Universität stehen. Wohin nun?

Da sehe ich einen großen Pfeil, auf dem in großen Lettern AUFNAHMEKOMMISSION steht. Der Pfeil zeigt nach oben, und so steige ich die imposante Marmortreppe hoch und gelange in die erste Etage.

Tische, Tische und Stühle überall in der Halle und nette Frauen, die mir helfen wollen.

Zulassung zu den Aufnahmeprüfungen? Ja, ja selbstverständlich! Welche Fakultät? Journalistik? Aber bitte, da, der Tisch rechts in der Ecke. Hals- und Beinbruch! Nichts zu danken!

Die Frau hinter dem Schreibtisch ist nett, das erkenne ich auf den ersten Blick. Sie bietet mir Platz an und beginnt, in meinen Unterlagen zu blättern, dann blickt sie kurz auf und vertieft sich wieder in die Lektüre.

„Hmm“, räuspert sie sich dann und weckt sofort den in mir schlummernden Argwohn, „du hast also beschlossen, Journalistin zu werden? Fest beschlossen?“

Ich kann nur nicken, denn die Angst hat mir die Kehle zugeschnürt und lässt nicht los.

„Hast du es dir auch gut überlegt?“ Die Frau hinter dem Schreibtisch hofft offensichtlich, dass ich mich so einfach von meinem Traum trenne.

„Ja doch, selbstverständlich“, stammele ich, den Tränen nahe.

Plötzlich sieht sie sich nach allen Seiten um, neigt sich über den Tisch und flüstert: „Liebes Kind, mit deinem Namen kommst du hier nie durch! Such’ dir etwas weniger ‚Romantisches’, etwas Bodenständigeres aus, bitte!“

Dann wird sie wieder ganz offiziell, erklärt mir, welche Unterlagen ich noch zu liefern hätte, und schaut mich auffordernd an. Ich verstehe, dass ich gehen soll, aber meine Beine gehorchen nicht. Ich kann nicht aufstehen und hier weggehen. Ich will meinen Traum, der so real schien, nicht einfach begraben.

„Weißt du was, ich habe gleich Mittagspause, dann gehen wir zusammen ein Eis essen, abgemacht?“

Ich tu’ der Frau offensichtlich leid.

„Warte draußen vor dem Haupteingang auf mich, es dauert nur noch ein paar Minuten!“

Das Eis schmilz und ist gesalzen, so viele Tränen vergieße ich in der unendlich langen Zeit, als die Frau von der Aufnahmekommission versucht, mir eine Tatsache zu erklären, die ich von Kindesbeinen an kenne: Dass ich nämlich zu der Kaste der Aussätzigen zähle und als solche (auch als freier Mensch nach dem neuen Dekret!) doch weniger gleich bin, als all die anderen , viel, viel weniger gleich.

„Bitte, du musst es aber für dich behalten. Wir dürfen keine Deutschen an unserer Fakultät aufnehmen. Du darfst aber keinem erzählen, dass ich – sonst ...“

Ich schaue sie fest an: „Da machen Sie sich bitte keine Sorgen, ich kenne die Gefahren und Regeln, habe darin Übung.“

Die Frau sieht mich zweifelnd an, drückt mich ganz plötzlich fest an sich und flüstert: „Viel Glück, mein Kind!“

Das konnte ich gebrauchen, denn ich stand nun auf der Strasse in einer fremden Stadt vor dem Trümmerhaufen meiner Träume und wusste weder ein noch aus.

Resigniert schlenderte ich stundenlang ziellos durch die Strassen der Uralmetropole und stand irgendwann vor einem mehrstöckigen Gebäude, an dem eine Tafel angebracht war: Germanistik, Anglistik, Romanistik, ließ sich von weitem entziffern.

Die älteste und renommierteste pädagogische Hochschule für Fremdsprachen, an der Fremdsprachenlehrer für die Schulen herangebildet wurden, hielt für mich ihre Pforten auf. Es tat mir im Herzen weh, dass ich meinen Traum vom romantischsten aller Berufe, wie ich glaubte, gegen den eines Lehrers eintauschen musste, aber ich rang nur einige Minuten mit mir, und wagte dann den Sprung ins kalte Wasser.

Ich ging hinein, reichte meine Unterlagen ein, und nach nur 20 Minuten war ich eingeschrieben und für die Aufnahmeprüfungen vorgemerkt.

Die erste Prüfung war auf den 1. August festgesetzt. Für die Vorbereitung zu den Aufnahmeprüfungen blieb mir knapp ein halber Monat. Aber es war mir so egal, ob ich in dieser Hochschule, die ich notgedrungen wählen musste, immatrikuliert würde oder nicht, dass ich mich seelenruhig in den Zug setzte und nach Moskau fuhr, ganz sicher, man würde da an der Botschaft schon auf mich warten.

Denn nun weiß ich wieder, wer ich bin, weiß, dass dies hier nicht meine Heimat ist, aber Deutschland vielleicht? Und ich schließe mich in Gedanken Eddies Meinung an: „Wir müssen hier fort.“ Jetzt, nach meinem Scheitern bin ich fest davon überzeugt, dass diese Entscheidung die richtige ist!

Meine Jacke mit den Unterlagen, die jetzt hässlich dick war, weil die Tanten und ihr vielköpfiger Anhang auch nach Deutschland mitwollten, tauschte ich gegen eine Tasche ein, so eine Art kleines Köfferchen, es sah besser aus, und ich brauchte in der Hitze das Jäckchen nicht immer mitzuschleppen.

 

Die Hauptstadt

 

Moskau empfängt uns mit fiesem, grauem Schmuddelwetter, obschon der Sänger im Radio den Passagieren suggeriert, die Sonne werde die alten Kremlmauern in ein zartes rosa Licht hüllen und das ganze Sowjetland mit seinen Strahlen wecken.

Trotz des Regenwetters sind alle aufgeregt. Wir sind in Moskau, der schönsten, größten, ja heiligen Stadt!

„Moskau! Beim Klang dieses Wortes schlägt jedem Russen das Herz höher“, zitiert einer der Fahrgäste pathetisch, doch ziemlich frei, einen russischen Dichter.

Wohl wieder nichts für uns Nichtrussen, denke ich sarkastisch, aber komischerweise macht es mir wenig aus. Ich forsche nach dem Grund: Ist es der Einfluss meiner Verwandten mit ihrer ablehnenden Haltung gegen alles Russische, der mich so „abgehärtet“ hat? Oder der bevorstehende Besuch bei der deutschen Botschaft, der mir die Tore in das Land öffnet, das uns zur Heimat wird?

Auf den Gedanken, dass unser Ausreisevorhaben misslingen könne, komme ich erst gar nicht.

So sage ich auch dem Milizmann an der Pforte vor dem pompösen Hotel „Metropol“, der nach dem Ziel meines Besuchs fragt, klipp und klar, dass wir nach Deutschland auswandern werden und ich deshalb den Botschafter sprechen muss.

Der Milizmann schaut mich verdutzt an, schweigt einige Sekunden und bricht dann in schallendes Gelächter aus. Er lacht und lacht, schlägt sich mit den Händen auf die Schenkel, wischt sich die Lachtränen aus den Augen und stöhnt: „Du machst aber Witze, Mädchen!

So, so“, meint er dann, als er sich etwas vom Lachen erholt hat, „nach Deutschland willst du, und einen nicht Geringeren als den Botschafter musst du sprechen!“

Er betont das Wort „musst“ und fängt wieder an zu lachen.

Dann wird er schlagartig ernst, seine Augen werden stechend: „Einen Personalausweis hast du doch, oder?“

Den habe ich. Einen ganz sauberen sogar. Ohne den schändlichen Stempel. Und damit der Milizmann gar keine Zweifel mehr hat, komme ich seiner Frage zuvor und zeige auf den Eintrag: „Nationalität: Deutsche“.

Er sieht mich aufmerksam an, murmelt: „Tja, wahrlich, Jugend hat keine Tugend. Diese Bravour war fehl am Platz. So was kann dir auch schaden.“

Dann gibt er mir den Pass zurück und meint beiläufig: „Die Botschaft ist umgezogen, die sind jetzt auf der Bolschaja-Grusinskaja-Strasse.“

Da ich noch immer vor ihm stehe, weil ich mit dieser Adresse gar nichts anfangen kann, meint er: „Bist wohl ganz fremd hier? Kennst du überhaupt Moskau?“

Ich könnte schwören, dass es besorgt klang.

Ich schüttele stumm den Kopf. Was soll ich dem auch erzählen? Dass alles noch viel, viel schlimmer ist? Dass ich die Stadt nicht kenne, dass ich keinen hier kenne, dass ich viel zu wenig Geld habe, um ins Hotel zu gehen, dass ich, wenn ich es auch hätte, nie ein Zimmer in ganz Moskau bekommen würde, denn es gibt grundsätzlich für normale Sterbliche keine freien Plätze in den Hotels, dass ich nicht nur einmal auf dem Bahnhof auf einer Bank werde übernachten müssen, vielleicht auch viele Nächte, wenn ich keine Rückfahrkarte bekomme …

Aber ich sehe, dass er das meiste auch ohnehin weiß, es ist schließlich eine alltäglich Geschichte, die tausenden von Reisenden in Moskau passiert.

Der Mann beschreibt mir den Weg und erklärt genauestens, wie ich dahin mit der Metro komme.

Und dann war es um mich geschehen. Die Moskauer U-Bahn hat mich so beeindruckt, dass ich den eigentlichen Zweck meiner Reise in die sowjetische Metropole vollends vergaß: die unterirdischen Marmor- und Granitpaläste, in die einen die unendlich langen und oft sehr steilen Rolltreppen – gebettet in edle Hölzer und getaucht in das Licht unzähliger Lampen – beförderten, suchten ihresgleichen. Züge aus Glas und Stahl rauschten in kurzen Abständen mit ungestümer, atemberaubender Geschwindigkeit vorbei.

Und dann die Ansagen! Auf Band von den besten Schauspielern gesprochen (erfuhr ich viel später!), klangen sie wie die schönste Melodie in meinen Ohren: „Vorsicht, die Türen schließen“, sang eine süße Frauenstimme, oder: „ Vorsicht, der Zug fährt ab!“

Die vier Tage, die ich in Moskau war, verbrachte ich, mit kurzen Unterbrechungen, in der – Metro. Es war auch nicht kostspielig: Man kaufte sich für fünf Kopeken eine Fahrkarte und konnte stundenlang von morgens früh bis zur Schließung der U-Bahn um 1 Uhr in der Nacht kreuz und quer durch, das heißt eigentlich, unter Moskau fahren.

Ich habe alles um mich herum vergessen, staunte über diese Märchenwelt und kam erst zur Botschaft, als sie schon geschlossen war.

Ich bekam es mit der Angst zu tun, was mich aber nicht hinderte, wieder in die U-Bahn zu steigen und den Abend auf meine Weise zu genießen, ehe ich dann zum Kasaner Bahnhof ging und mir einen freien Platz auf einer der Bänke suchte, was übrigens keine einfache Aufgabe war, denn, wie gesagt, ich war in dieser Situation eine von vielen Tausenden. Aber Gott sei Dank gab es in Moskau acht solcher Bahnhöfe!

Am nächsten Tag nahm ich mich zusammen und steuerte zielstrebig die Botschaft an.

Mist! Wieder ein Milizmann an der Pforte! Und wieder das alte Lied!

Doch der Mann sah nur flüchtig in meinen Pass, fragte mich nach dem Zweck meines Besuchs, schmunzelte auch, als ich über meine baldige Ausreise zu erzählen begann und ließ mich, oh, Wunder!, passieren.

Man schrieb das Jahr 1956: Erst vor ein paar Monaten hatte Nikita Chrustschow auf dem XX. Parteitag seine historische Rede über den Personenkult Stalins gehalten und die Gräueltaten des Diktators angeprangert. In kürzester Zeit vollzogen sich gewaltige Wandlungen im Reich des blutrünstigen toten Führers, das, wie uns schien, durch nichts zu erschüttern war. Auch wenn man jung war, wie ich damals, und die politischen Zusammenhänge nicht so gut erkennen und richtig einordnen konnte, gingen diese Veränderungen an uns doch nicht unbemerkt vorbei, vor allen Dingen nicht die zeitweilige Orientierungslosigkeit und Unsicherheit derjenigen, die am Ruder waren und das Sagen im Land hatten, und zwar auf allen Ebenen.

Die Vorboten des Tauwetters kündigten sich an, selbst die Luft schien vom Geruch der Freiheit geschwängert zu sein. Aus den Lagern kehrten, wie aus dem Jenseits, die ersten politischen Häftlinge zurück, krank, verkrüppelt, aber lebendig.

Nach dem langen Entzug war man trunken von dieser Freiheit und merkte im Freudentaumel nicht, dass schon die nächsten dunklen Wolken am Horizont aufzogen.

Ein, zwei Jahre bleiben uns aber noch, und wir gehen fast ungehindert in die deutsche Botschaft, weil unsere Bewacher an der Pforte nicht wissen, ob sie uns abweisen dürfen. Sie lassen uns Anträge abgeben, weil sie und diejenigen, welche über ihnen stehen, nicht wissen, dass die Aktion, die nach Adenauers Besuch anläuft, nur auf die deutschen Kriegsgefangenen beschränkt ist, auf die „Deutschländer“, wie wir immer sagen, nicht auf uns. Später wird es ihnen einfallen, dass wir doch „sowjetische“ Bürger sind, und sie werden die Botschaft hermetisch abriegeln.

Das alles wird später sein, und in den Siebzigern werde ich in den vollen „Genuss“ dieser Politik kommen.

Heute aber spaziere ich ganz einfach, als wäre es das Selbstverständlichste auf der Welt, in die Botschaft hinein, um beim deutschen Botschafter vorzusprechen. So einfach ist das!

 

Träume sind Schäume

 

Es ist wie im Traum. Zum ersten Mal seit meiner Kindheit sprechen alle um mich herum deutsch. Nein, nicht den Dialekt, der bei uns zu Hause „Staatssprache“ ist, hier sprechen sie so richtig deutsch, „deitschländisch“, wie wir sagen, fein, in einem zarten Singsang, mit dem Zäpfchen „R“, nicht so rollend, grollend, russisch, wie wir.

Ich genieße diesen ungewöhnlichen, doch irgendwie vertrauten Klang, als mir plötzlich mit Schrecken bewusst wird, dass ich sie eigentlich schlecht verstehe, diese Frauen und Männer, die sich mit mir unterhalten. Fast jedes dritte Wort verstehe ich nicht, wie will ich dann mit dem Botschafter reden?

Aber dann verdränge ich diesen Gedanken, denn die netten und höflichen Frauen und Männer reden mir zu, reichen mich immer an jemanden anderen weiter, da ich mich darauf versteift habe, den Botschafter persönlich sprechen zu wollen.

„Muss es unbedingt der Botschafter sein?“, fragt mich, entnervt und der Verzweiflung nahe, die nächste Frau, in deren Zimmer ich schließlich lande. Ich nicke nur stumm mit dem Kopf.

„Könnte vielleicht jemand anders …“, ich lasse sie nicht weiter sprechen. Ich will sie nicht brüskieren, aber mein „Nein!“ klingt kategorisch und endgültig.

Also bringt man mich zum „Botschafter“ (ich würde zu gerne wissen, wer von den Mitarbeitern der Botschaft damals diese Rolle übernahm!), und ich beginne mit meinem Bericht. Der Mann hinter dem Schreibtisch muss sich große Mühe geben, mich zu verstehen, denn ich spreche ein gebrochenes, altes Schwäbisch, das ich üppig mit russischen Wörtern und Ausdrücken ausstatte.

„Wollen wir nicht einen Dolmetscher holen?“, flehte mich der „Botschafter“ nach einer Zeitlang fast verzweifelt an.

„ Was ist das, Dolmetscher?“

Er begreift, korrigiert sich schnell: „Ich meine, einen Übersetzer …“

Jetzt verstehe ich und bin in meinen besten Gefühlen tief verletzt. Ich, eine Deutsche, soll nun mit einem anderen Deutschen mit Hilfe eines Übersetzers sprechen? Das ist eine Beleidigung, eine tödliche Kränkung!

Der „Botschafter“ ist anscheinend ein guter Menschenkenner und kann ziemlich genau in meinem Gesicht ablesen, was in mir vor sich geht.

„War nur ein Vorschlag“, winkt er ab, „nun, zeigen Sie doch mal, was sie da alles mitgebracht haben.“

Ich schlucke meine Tränen hinunter, krame die Papiere aus dem Köfferchen heraus und lege sie auf den Tisch. Es ist ein beträchtlicher Stapel.

Ein Mitarbeiter wird geholt, er soll die Unterlagen durchsehen und sie zu den übrigen Akten bringen.

Über 60.000 Anträge seien schon eingegangen (wir sind also nicht die Einzigen), und es kämen immer mehr dazu.

Ich höre dem Mann aufmerksam zu und nicke eifrig. Der „Botschafter“ soll wissen, dass ich alles verstehe, auch ohne einen Dolmetscher. Ich schummele nicht einmal, denn er erzählt so wundersame Dinge, die ich bestimmt sogar in Chinesisch verstanden hätte.

Denn es geht jetzt um mich und meine Zukunft. Als er erfährt, dass ich mich an der Fremdsprachenfakultät habe einschreiben lassen, erzählt er mir davon, wie so ein Studium in Deutschland aussieht. Die meisten Studenten, sagt er, gehen für einige Semester ins Ausland und zwar in ein Land, in dem die Sprache gesprochen wird, die man als Hauptstudienfach gewählt hat. So lassen sich die Sprachkenntnisse vervollkommnen.

Diese Idee gefiel mir so sehr, dass ich bereitwillig erklärte, ich würde in diesem Fall meine Unterlagen sofort zurücknehmen, die Einschreibung rückgängig machen und erst in Deutschland ein Studium aufnehmen.

„Nein, nein“, hebt er abwehrend beide Hände, „um Himmels Willen, machen Sie das bloß nicht!“

Dann sieht er mich aufmerksam an: „Legen Sie die Aufnahmeprüfungen ab und nehmen Sie das Studium auf, denn das“, winkt er in die Richtung, in der der Mitarbeiter mit unseren Unterlagen verschwunden ist, „das da kann dauern. Sehr lange sogar!“

Wie recht er doch hatte! Es sollten 20 Jahre vergehen, ehe mein Traum in Erfüllung ging – nur 20 Jahre!

 

Darf ich bitten, Prinzessin?

 

Der diesjährige Silvesterball ist mein erstes großes Fest an der Germanistischen Fakultät der Pädagogischen Hochschule zu Swerdlowsk. Mit glänzenden Augen verfolge ich zusammen mit meinen neuen Freundinnen aus dem ersten Semester aufgeregt das Treiben in der festlich geschmückten Aula.

Alles ist wie in einem Märchen: Das Flimmern von hunderten bunten Lämpchen, glitzernde Girlanden und glänzender Weihnachtsschmuck am Tannenbaum, der bunte Konfettiregen und die Papierschlangen, die sich um die tanzenden Paare winden, der ganze Flitter und Glamour ist so überwältigend, dass es einem den Atem raubt.

Und erst die Musik … Da tragen einen die Füße doch von selbst zur Tanzfläche, besonders wenn man so gerne tanzt, wie ich.

Doch keine von uns traut sich. Schüchtern stehen wir in der Ecke an der Tanzfläche, auf der die ach! sooo schönen Paare wie im Wirbelwind an uns vorbeirauschen. Voller Bewunderung und Neid verfolgen wir die Tanzenden, meist Studentinnen aus den oberen Semestern, die beim Walzer gelassen in den Armen ihrer Partner liegen. Sie lachen und flirten, sind selbstbewusst bis arrogant, kein bisschen scheu oder verklemmt, wie wir, und genießen das Fest in vollen Zügen. Überhaupt scheinen sie sich hier heimisch und sicher zu fühlen, wo jeder jeden kennt, wo man gelöst lachen und witzeln kann, wo sie bewundert und verehrt werden.

Allein diese Sicherheit bestärkt sie in ihrer Überzeugung, dass sie begehrenswert sind, bezaubernd und unwiderstehlich.

Und die jungen Burschen schmelzen dahin.

Wir würden auch gerne tanzen, aber keiner von den Jungs scheint sich für uns drei verklemmte Blaustrümpfe zu interessieren, denn solche Mauerblümchen gibt es hier zuhauf. So mustern sie uns mit gleichgültigen Blicken und steuern fast um die Wette auf die Schönen und Begehrenswerten zu, die im Mittelpunkt des Geschehens stehen.

Wir sind für sie „grünes Kroppzeug“. „Kindergarten“ nennen so was, wie uns, die gestandenen Studenten und lassen uns nicht nur heute links liegen.

Dass wir darüber sauer sind, ist zu wenig gesagt, denn schließlich haben wir die Aufnahmeprüfungen bestanden, mit guten Noten sogar, die uns das Stipendium für das erste Semester sicherten.

Zugegeben, das Studentenleben ist nicht so lustig und romantisch, wie wir es uns in unseren Träumen vorgestellt haben, es hat auch seine Tiefen und Höhen, fordert von uns harte Arbeit, Fleiß und viel Ausdauer.

Doch wir sind jung, voller Tatendrang, wir werden unser Schicksal schon meistern, auch mit einer Portion weniger Romantik. Und eines Tages stehen wir dann im Mittelpunkt.

In dieser schönen, doch für uns etwas enttäuschenden Silvesternacht, schwören wir Rache. Wir beschließen, dass wir dann die überheblichen und arroganten Machos auch an der Leine zappeln lassen werden, wenn sie zu unseren Veranstaltungen kommen.

Dass sie kommen, dass sie immer wieder kommen werden, ist sicher, wie das Amen in der Kirche, denn wenn wir eine fast reine Mädchenanstalt sind – scherzhaft nennt man unsere Hochschule „Hauptweiberlieferant“ –, so haben die Bergbauhochschule und die Polytechnische Hochschule ein anderes Defizit, das ihnen den Scherztitel „Hauptweiberkonsument“ eingebracht hat. Da sind die Hochschulen doch gezwungen, eng zusammenzuarbeiten, und diese Zusammenarbeit hat eine lange Tradition. Die heutige Veranstaltung wurde gemäß dieser Tradition zusammen mit den künftigen Bergbau- und sonstigen Ingenieuren geplant und vorbereitet. Doch obwohl unsere Hochschule heute Gastgeber ist, dominieren auf dem Ball die eingeladenen Jungs, die auch das ganze Geschehen bestimmen.

Wir sind verärgert: „Warum lassen sich die Mädchen auch so herumkommandieren und manipulieren?“, und beschließen, alles zu ändern, wenn unsere Stunde schlage. So lange will aber keine warten.

„Ich zähle bis drei, denn stürzen uns in den Trubel“, schlägt Irina vor, und schon sind sie alle weg.

Ich bleibe allein und verfolge die tanzenden Paare, die wie aus einem Märchenfilm in die Aula gestiegen zu sein scheinen. Die lyrische Walzermusik trägt mich weit weg von hier, in unsere Schule, in den Sportsaal, wo wir genauso selig über die Tanzfläche schwebten und Sascha mir verträumt in die Augen sah und flüsterte: „Du bist die Schönste! Die Einzige! Und ich liebe dich!“

Es tut weh. Ich will diese Erinnerung verdrängen, will in die Gegenwart zurück. Als ich meinen Blick über die tanzende Menge schweifen lasse, stockt mir der Atem. Mitten in der Menge sehe ich – Sascha. Groß, schlank, mit pechschwarzer Mähne tanzt er mit einem Mädchen, flüstert ihm ab und zu etwas ins Ohr und lächelt.

Es ist sein Markenzeichen, dieses lustige, verschmitzte Lächeln! Das unverwechselbare!

Die Welt um mich herum versinkt, ich bin wie gelähmt, kann meinen Blick nicht losreißen von dem vertrauten Gesicht.

Als ob er meinen Blick fühlte, dreht er sich um, schaut in meine Richtung. Sein Blick ist forschend, erstaunt, etwas ironisch.

Alles andere passiert dann wie in einer Zeitlupe: Er bahnt sich den Weg durch die Tanzenden, geht auf mich zu, sieht mich lange mit seinen stechend blauen Augen an, in denen wilde Flammen tanzen, und schweigt.

Dann reicht er mir einladend die Hand: „Darf ich bitten, Prinzessin?“

Ich bringe kein Wort über die Lippen. Er scheint mein Schweigen falsch zu verstehen, wird förmlich: „Darf ich mich vorstellen? Sascha, Sascha Sokolow.“

Ende des zweiten Teils

 

Nachwort

 

Und wie geht es weiter?

Das, liebe Leser/innen, erfahren Sie im dritten und letzten Teil der Trilogie „Wanderer zwischen den Welten“ mit dem Titel „ Die Quadratur des Kreises“.

Soviel aber sei schon jetzt verraten:

Emmi und Sascha Sokolow, der nicht nur äußerlich, sondern auch in seinem ganzen Wesen und Charakter Emmis Jugendliebe verblüffend ähnlich ist, bleiben zusammen und gründen eine Familie, die allen Widerwärtigkeiten trotzen und fest zusammenhalten wird.

Sascha, ein Russe, wird Emmi eine feste Stütze und Hilfe sein, in guten wie in schlechten Zeiten, selbst dann, als man von ihm wegen des Ausreisewunsches nach Deutschland verlangen wird, Emmi und die Kinder zu verlassen, und er von den Behörden, vielen Bekannten, sogar manchen Freunden und seiner Familie als Verräter gebrandmarkt wird.

Sie werden zusammen die Schwierigkeiten überwinden, die ihnen in der UdSSR in den Weg gelegt wurden und gegen die sie nach der Übersiedlung in Deutschland ankämpfen müssen.

Denn auch hier ist ihr anfänglicher Weg nicht auf Rosen gebettet.

Nelli Kossko

 

ANHANG

Das große Experiment

 

„…Und sie zogen grimmig ins schwarze Nichts.“

Viktor Schnittke

 

Das Vernichtungssystem ganzer Völker wurde in der UdSSR – nach dem Überfall Hitlerdeutschlands auf das Land 1941 – in der Republik der Wolgadeutschen ausprobiert, und siehe da, das Experiment gelang!

Es zeigte, wie erfolgreich eine Ausrottungsmethode sein kann, wenn man sich mit einem einzigen Merkmal begnügte, zum Beispiel dem der nationalen Zugehörigkeit. Das vereinfachte die ganze Angelegenheit so sehr, dass sogar ein NKWD-Mann, der kaum lesen und schreiben konnte, imstande war, die Feinde in seinem Zuständigkeitsbereich ohne große Mühe ausfindig zu machen. Ein deutscher Name? Da ist sofort alles klar! Das kann nur ein Feind sein, also – weg mit ihm.

Das System wurde also an den Deutschen ausprobiert, die Methoden verfeinert und an die jeweilige „verräterische“ Volksgruppe in der UdSSR angewendet. Davon gab es aber nicht wenige, nämlich die Tschetschenen, die Inguschen, die Krimtataren, die Balkaren, die Karatschajer, die Kalmücken etc.

Dieses System vereinfachte die Verbannung der „Völker von Verrätern” bis zur Simplizität, denn es war immer das gleiche Muster, nach dem man vorging. Es gab keine Ausnahmen, man musste keine Einzelverfahren anstrengen – alle wurden weggebracht, und alle fügten sich willenlos in ihr Schicksal. Keiner rebellierte oder muckte zumindest auf. Das Urteil wurde über alle verhängt, es betraf alle, dich, mich, ihn – alle.

Und sie wurden alle als Feinde verbannt, auch die Ungeborenen, die im Leibe ihrer Mütter geborgen schlummerten –, auch sie waren durch den staatlichen Erlass vom 28. August 1941 für immer gebrandmarkt und verbannt, und nicht nur sie, sondern all die viel später Gezeugten und Geborenen, sie alle wurden zu Verbannten, zu Verbrechern abgestempelt, sobald sie das Licht der Welt erblickten.

Denn der Fluch des Vaters aller Völker lag auf ihnen. Sie waren a priori Feinde, Sondersiedler, und blieben es auch später, auch wenn sie nicht volljährig waren.

Aber was heißt hier volljährig? Es änderte sich gar nichts daran, wenn ein kleiner Volksfeind 16 wurde, außer vielleicht der Tatsache, dass er von nun an gehalten war, sich in regelmäßigen Abständen in der Kommandantur zu melden und seinen Wohnort im Umkreis von 10 Kilometern unter Androhung hoher Strafen (bis zu 20 Jahre Gefängnis) ohne die Erlaubnis des Kommandanten nicht zu verlassen – und zu Zwangsarbeit eingezogen wurde.

Der verbrecherische Ukas machte keine Ausnahmen. Nicht einmal Kommunisten und Komsomolzen wurden ausgeklammert, trotz ihrer Linientreue, ebenso die wenigen Militärs, die schon in den ersten Monaten der Kriegshandlungen aussortiert und zusammen mit ihren Landsleuten in die Verbannung geschickt wurden.

Später (1945-46) gesellten sich ihnen die so genannten Volksdeutschen, die aus den von deutschen Truppen besetzten Gebieten im Süden Russlands 1944 zuerst nach Polen und dann weiter nach Deutschland ausgesiedelt worden waren. Nach Kriegsende wurden sie in Übereinkunft mit den Siegermächten von den sowjetischen Straforganen wie Tiere eingefangen und als Bürger der Sowjetunion in Güterzügen in die „Heimat“ abtransportiert. Das Schicksal dieser Menschen wird am Beispiel der Familie Wagner im Buch „Die geraubte Kindheit“ und nun in „Am anderen Ende der Welt“ beschrieben.

Es existieren ganze Bände von Dekreten, Erlassen, Beschlüssen, Verordnungen und Anweisungen, die dieser Willkür den Anstrich von Gesetzlichkeit geben sollten.

1996 haben die Historiker Dr. Alfred Eisfeld und Viktor Herdt im Verlag Wissenschaft und Politik den Sammelband „Deportation, Sondersiedlung, Arbeitsarmee. Deutsche in der Sowjetunion 1941 bis 1956“ herausgegeben. Sie finden einige dieser Dokumente in gekürzter Form im Anhang.

 

I

 

Erlass des Präsidiums des Obersten Sowjets der UdSSR vom 28. August 1941 „Über die Umsiedlung der Deutschen, die in den Wolga-Rayons leben“

 

Entsprechend glaubwürdigen Nachrichten, die die Militärbehörden erhalten haben, befinden sich unter der in den Wolga-Rayons lebenden deutschen Bevölkerung Tausende und Zehntausende von Diversanten und Spionen, die nach einem aus Deutschland gegebenen Signal in den von den Wolgadeutschen besiedelten Rayons Sprenganschläge verüben sollen.

Über die Anwesenheit einer so großen Zahl von Diversanten und Spionen unter den Wolgadeutschen hat den Sowjetbehörden keiner der in den Wolga-Rayons ansässigen Deutschen etwas gemeldet, folglich verbirgt die deutsche Bevölkerung der Wolga-Rayons in ihrer Mitte Feinde des Sowjetvolkes und der Sowjetmacht.

Im Falle von Diversionsakten, die auf Weisung aus Deutschland durch deutsche Diversanten (Saboteure) und Spione in der Republik der Wolgadeutschen oder in den angrenzenden Rayons ausgeführt werden sollen, und im Falle, dass es zu Blutvergießen kommt, wird die Sowjetregierung entsprechend den in Kriegszeiten geltenden Gesetzen gezwungen sein, Strafmaßnahmen zu ergreifen.

Um aber unerwünschte Ereignisse dieser Art zu vermeiden und Blutvergießen zu verhindern, hat das Präsidium des Obersten Sowjets der UdSSR es für notwendig befunden, die gesamte deutsche Bevölkerung, die in den Wolga-Rayons ansässig ist, in andere Rayons umzusiedeln, und zwar derart, dass den Umzusiedelnden Land zugeteilt und bei der Einrichtung in den neuen Rayons staatliche Unterstützung gewährt werden soll.

Für die Ansiedlung sind die an Ackerland reichen Rayons der Gebiete Novosibirsk und Omsk, der Region Altaj, Kasachstan und weitere benachbarte Gegenden zugewiesen worden.

Im Zusammenhang damit ist das Staatliche Verteidigungskomitee angewiesen worden, die Umsiedlung aller Wolgadeutschen und die Zuweisung von Grundstücken und Nutzland an die umzusiedelnden Wolgadeutschen in den neuen Rayons unverzüglich in Angriff zu nehmen.

Der Vorsitzende des Präsidiums des Obersten Sowjets der UdSSR

gez. M. Kalinin

Der Sekretär des Präsidiums des Obersten Sowjets der UdSSR

gez. A. Gorkin

Moskau, Kreml,

28. August 1941

Quelle: Alfred Eisfeld und Viktor Herdt: „Deportation, Sondersiedlung, Arbeitsarmee.“

Verlag Wissenschaft und Politik. 1996.

II

Beschluss des Staatlichen Verteidigungskomitees vom 7. Oktober 1942 über eine zusätzliche Mobilisierung von Deutschen für die Volkswirtschaft der UdSSR

Streng geheim

 

1. Deutsche Männer im Alter von 15-16 und 51-55 Jahren und tauglich für körperliche Arbeit, sowohl jene, die aus den zentralen Gebieten der UdSSR und aus der Republik der Wolgadeutschen in die Kasachische SSR und die östlichen Gebiete der RSFSR umgesiedelt worden sind, als auch jene, die in anderen Gebieten, Regionen und Republiken der Sowjetunion leben, werden zum Einsatz in den Arbeitskolonnen für die gesamte Dauer des Krieges zusätzlich mobilisiert.

2. Zugleich wird eine Mobilisierung von deutschen Frauen ab 16 bis einschließlich 45 Jahre zum Einsatz in Arbeitskolonnen für die gesamte Dauer des Krieges vorgenommen.

Von der Mobilisierung sind schwangere deutsche Frauen und deutsche Frauen mit Kindern unter 3 Jahren freizustellen.

3. Kinder über 3 Jahre werden den anderen Mitgliedern der jeweiligen Familie in Pflege gegeben. Sind keine anderen Familienmitglieder außer den zu Mobilisierenden vorhanden, so werden die Kinder den nächsten Angehörigen oder den deutschen Kolchosen in Pflege gegeben.

Die örtlichen Sowjets der Werktätigendeputierten werden verpflichtet, Maßnahmen zur Unterbringung der ohne Eltern bleibenden Kinder der zu mobilisierenden Deutschen zu ergreifen.

5. Die Durchführung der Mobilisierung der Deutschen wird dem NKO und dem NKWD unter Heranziehung der örtlichen Organe der Sowjetmacht übertragen. Mit der Mobilisierung der Deutschen ist umgehend zu beginnen, sie ist binnen eines Monats abzuschließen.

Alle mobilisierten Deutschen werden verpflichtet, an den Sammelstellen in geeigneter Winterkleidung, mit vorrätiger Unterwäsche, Bettwäsche, Becher, Löffel und einem Lebensmittelvorrat für zehn Tage zu erscheinen.

6. Es ist eine strafrechtliche Verantwortlichkeit der Deutschen sowohl für das Nichterscheinen an den Einberufungs- und Sammelstellen vor der Mobilisierung als auch für die eigenmächtige Arbeitsverweigerung oder die Desertion aus den Arbeitskolonnen festzusetzen.

11. Das NKWD der UdSSR und das NKO werden angewiesen, dem Staatlichen Verteidigungskomitee über die Ergebnisse der Mobilisierung der Deutschen und über die Zahl der in Betriebe … beorderten Deutschen Bericht zu erstatten.

Der Vorsitzende des Staatlichen Verteidigungskomitees, I. Stalin.

 

Quelle: Alfred Eisfeld und Viktor Herdt „Deportation, Sondersiedlung, Arbeitsarmee.“

Verlag Wissenschaft und Politik. 1996.

 

Und das waren die Folgen dieses Erlasses:

Ein Bettelkind in Sibirien

 

Es trippelt und stolpert bei Schnee und bei Wind,

auf sibirischen Wegen ein deutsches Kind.

Die Eltern, die nahm man ihm weg mit Gewalt,

und Oma ist krank, und der Ofen ist kalt.

 

Drei Tage kein Brot im ganzen Haus,

da trieb es der Hunger zum Betteln hinaus.

Fremd ist ihm die Sprache im wildfremden Ort.

Es kennt nur ein einziges russisches Wort.

 

Statt Brot sagt es – „Chleb“, streckt sein Händchen hervor,

steht frierend vergebens vor manch fremdem Tor.

Man stößt es und jagt es mit Drohungen fort:

„Zum Betteln such’ dir einen anderen Ort!“

 

Ihm schwindelt vor Hunger, die Kraft geht ihm aus.

Der Abendwind treibt es zum Dorfe hinaus.

Die Nacht ist stockfinster und heftig der Wind.

Sibirische Straßen gefahrdrohend sind!

 

Der Sturm rast vorüber, die Wolken ziehn ab.

Am Wegrand erstarrt liegt ein Kind ohne Grab,

sein flehendes Händchen zum Himmel gestreckt,

vom schneeweißen Leichentuch gnädig bedeckt.

Reinhold Frank

 

III

 

Erlass des Präsidiums des Obersten Sowjets der UdSSR vom 26. November 1948 über die strafrechtliche Verantwortlichkeit der Personen, die während des Vaterländischen Krieges in ferne Regionen der UdSSR ausgesiedelt wurden, für die Flucht aus den Pflicht- und ständigen Ansiedlungsorten

 

Nicht zur Veröffentlichung

Zwecks Festigung des Siedlungsregimes für die vom Obersten Machtorgan der UdSSR während des Krieges zwangsausgesiedelten Tschetschenen, Karatschajer, Inguschen, Balkaren, Kalmücken, Deutschen, Krimtataren u.a. sowie in Anbetracht der Tatsache, dass bei ihrer Verschickung die Geltungsdauer ihrer Aussiedlung nicht bestimmt worden ist, wird festgelegt, dass die o.g. Personen in diese fernen Regionen auf ewig ausgewiesen sind, ihnen wird das Recht auf Rückkehr in die früheren Siedlungsorte aberkannt.

Für den eigenmächtigen Wegzug (die Flucht) aus den Orten ihrer Pflichtansiedlung sind die Schuldigen zur strafrechtlichen Verantwortlichkeit zu ziehen.

Als Strafzumessung für dieses Verbrechen sind 20 Jahre Zwangsarbeit anzusetzen.

Die Strafsachen wegen Flucht der Umgesiedelten werden im Sonderkollegium des Innenministeriums der UdSSR verhandelt.

Personen, die sich der Verbergung der aus den Orten der Pflichtansiedlung Geflüchteten schuldig gemacht bzw. Personen, die ihnen die Flucht ermöglicht haben … unterliegen einer strafrechtlichen Verfolgung. Diese Verbrechen sind mit fünf Jahren Freiheitsentzug zu bestrafen.

Der Vorsitzende des Präsidiums des Obersten Sowjets der UdSSR

(N. Schwernik)

Der Sekretär des Präsidiums des Obersten Sowjets der UdSSR

(A. Gorkin)

Moskau, Kreml, 26. November 1948

 

Quelle: Alfred Eisfeld und Viktor Herdt: „Deportation, Sondersiedlung, Arbeitsarmee.“ Verlag Wissenschaft und Politik. 1996.

 

Zu unterzeichnendes Formular für die in die Sondersiedlung verwiesenen Sondersiedler (November 1948)

Bestätigung

 

Mir, Sondersiedler ..., wohnhaft in ..., wurde der Erlass des Präsidiums des Obersten Sowjets der UdSSR vom 26. November 1948 verlesen, wonach ich auf ewig in die Sondersiedlung verwiesen worden bin, ohne das Recht, in den früheren Wohnort zurückkehren zu dürfen, und wonach ich im Falle meines unerlaubten Wegzugs (der Flucht) aus dem Ort meiner Pflichtansiedlung zu 20 Jahren Zwangsarbeit verurteilt werde.

Solche Bestätigungen wurden den Sondersiedlern in schriftlicher Form abverlangt und von diesen sowie den Mitarbeitern der MWD-Organe, die sich dieses Dokument geben ließen, unterschrieben.

IV

Aus dem Erlass des Präsidiums des Obersten Sowjets der UdSSR vom 17. September 1955 „Über die Amnestie sowjetischer Staatsangehöriger, die während des Großen Vaterländischen Krieges 1941-1945 mit den Besatzern zusammengearbeitet haben“

 

Nach dem siegreichen Ende des Großen Vaterländischen Krieges des sowjetischen Volkes erzielte das Sowjetvolk große Errungenschaften auf allen Gebieten des volkswirtschaftlichen und kulturellen Aufbaus und bei der weiteren Stärkung seines sozialistischen Staates.

In Anbetracht dessen sowie angesichts der Beendigung des Kriegszustands mit Deutschland und geleitet vom Prinzip der Humanität, erachtet es das Präsidium des Obersten Sowjets der UdSSR für möglich, eine Amnestie in Bezug auf jene Bürger zu erlassen, die sich während des Großen Vaterländischen Krieges 1941-1945 aus Kleinmut oder aus Mangel an Bewusstsein zur Zusammenarbeit mit den Besatzern haben bewegen lassen.

 

Mit dem Ziel, diesen Bürgern erneut ein ehrliches Leben zu ermöglichen und damit sie zu nützlichen Gliedern der sozialistischen Gesellschaft werden können, beschließt das Präsidium des Obersten Sowjets der UdSSR:

 

l. Aus den Strafvollzugsanstalten jene Personen zu entlassen oder andere Strafmaßnahmen gegenüber Personen aufzuheben, die zum Freiheitsentzug bis zu zehn Jahren dafür verurteilt wurden, weil sie während des Großen Vaterländischen Krieges dem Feind Vorschub geleistet haben oder andere Verbrechen … begangen haben.

 

3. Aus den Strafvollzugsanstalten, unabhängig von der Strafzumessung, Personen zu entlassen, die wegen Dienst bei der deutschen Wehrmacht, der Polizei und in deutschen Sonderformationen verurteilt worden sind. Von der weiteren Abbüßung der Strafe Personen zu befreien, die für diese Verbrechen verbannt oder verschickt worden sind.

4. Die Amnestie nicht auf Straftäter zu erstrecken, die wegen Mordes und Folterungen von Sowjetbürgern verurteilt worden sind.

...

7. Die sich im Ausland befindenden sowjetischen Bürger, die sich während des Großen Vaterländischen Krieges 1941-1945 gefangen gegeben oder die in der deutschen Wehrmacht, der Polizei und in deutschen Sonderformationen gedient haben, nicht mehr zu belangen ...

Quelle: Alfred Eisfeld und Viktor Herdt: „Deportation, Sondersiedlung, Arbeitsarmee.“ Verlag Wissenschaft und Politik. 1996.

 

V

Erlass des Präsidiums des Obersten Sowjets der UdSSR vom 13. Dezember 1955 „Über die Aufhebung der Einschränkungen in der Rechtsstellung der Deutschen und der Mitglieder ihrer Familien, die sich in der Sondersiedlung befinden“

 

Nicht zur Veröffentlichung in der Presse

In Anbetracht der Tatsache, dass die bestehenden Einschränkungen in der Rechtsstellung der deutschen Sondersiedler und der Mitglieder ihrer Familien, die in verschiedene Regionen des Landes verwiesen worden sind, in Zukunft nicht weiter erforderlich sind, beschließt das Präsidium des Obersten Sowjets der UdSSR:

 

1. Deutsche und Mitglieder ihrer Familien, die während des Großen Vaterländischen Krieges in die Sondersiedlung verwiesen worden sind, aus der Sondersiedlung zu entlassen und von der administrativen Aufsicht durch die Organe des Innenministeriums zu befreien. Das Gleiche gilt für deutsche Bürger der UdSSR, die nach der Repatriierung aus Deutschland in die Sondersiedlung verwiesen worden sind.

2. Es wird festgestellt, dass die Aufhebung der durch die Sondersiedlung bedingten Einschränkungen für die Deutschen nicht die Rückgabe des Vermögens, das bei der Verschickung konfisziert worden ist, zur Folge hat und dass sie nicht das Recht haben, in die Orte zurückzukehren, aus denen sie ausgesiedelt worden sind.

Quelle: Alfred Eisfeld und Viktor Herdt: „Deportation, Sondersiedlung, Arbeitsarmee.“

Verlag Wissenschaft und Politik. 1996.

 

Abkürzungen in den Dokumenten:

 

NKWD – Volkskommissariat für Innere Angelegenheiten

NKO – Volkskommissariat für Verteidigung

 

1000 Jahre deutsche Spuren in Russland

 

Zeittafel

 

11. Jh. Deutsche Kaufleute siedeln im Raum Kiew an

 

1570

In Moskau entsteht eine deutsche Siedlung, die erste „Nemetzkaja Sloboda“

 

1612

Deutsche Siedler lassen sich zum zweiten Mal in Moskau nieder

 

1652

In Moskau entsteht zum dritten Mal eine Ausländersiedlung unter dem Namen „Nemezkaja Sloboda“

 

1702

Peter der Große sichert allen Einwanderern freie Ausübung des Gottesdienstes zu

 

1727

In der neuen russischen Hauptstadt St. Petersburg erscheint die erste deutsche Zeitung, die spätere „St. Petersburger Zeitung“ (verboten 1916)

 

1762

Die deutschstämmige Zarin Katharina II. lädt in ihrem ersten Manifest Ausländer zur Ansiedlung in Russland ein. In ihrem 2. Manifest (1763) verstärkt sie das Angebot an Ausländer. Es beginnt die Zeit der Masseneinwanderung deutscher und anderer Ausländer nach Russland

 

1764-73

An der Wolga werden 104 deutsche Kolonien gegründet

 

1765

Im Umkreis von St. Petersburg entstehen die „Nördlichen Kolonien“, in der Ukraine die Belowesher Kolonien

 

1765

In Chortitza und Rosental am Dnjepr entstehen die ersten Kolonien deutscher Mennoniten in der Ukraine

 

1804-24

Württemberger, Pfälzer, Badener und Elsässer folgen dem Manifest Alexanders I. zur Ansiedlung am Schwarzen Meer. Es entstehen die Siedlungen bei Odessa und in Transkaukasien

 

1863

Gründung der „Odessaer Zeitung“

 

1871

Beginn der Russifizierungswelle. Aufhebung der Kolonistengesetze und Privilegien

 

1874

Einführung der allgemeinen Wehrpflicht. Deutsche Kolonisten beginnen verstärkt, von Russland nach Amerika auszuwandern

 

1891

Russisch wird Pflichtfach an deutschen Schulen im Zarenreich

 

1.8.1914

Bei Ausbruch des Ersten Weltkrieges leben im Russischen Reich 1,7 Mill. Deutsche

 

2.2.1915

„Liquidationsgesetze“: die Deutschen sollen enteignet und nach Sibirien verbannt werden

.

12.3.1917

Die „bürgerlich-demokratische Februarrevolution“ stoppt die Deportationen

 

20.-23.4. 1917

Erster gesamtdeutscher Kongress der Russland-deutschen, Gründung eines Zentralkomitees aller Deutschen in Russland

 

25.11.917 (7.10.1917)

„Oktoberrevolution“

 

3.3.1918

Frieden von Brest-Litowsk mit einer Repatriierungsklausel für Russlanddeutsche

 

19.10.1918

Der Rat der Volkskommissare genehmigt per Dekret die Errichtung der Gebietsautonomie der Wolgadeutschen (die „Arbeitskommune“)

 

1921

Auf Revolution und Bürgerkrieg folgt in Russland eine große Hungersnot, welche die deutschen Dörfer an der Wolga und im Süden des Landes hart trifft

 

6.1.1924

Ausrufung der Autonomen Sowjetrepublik der Wolgadeutschen mit Pokrowsk, dem späteren Engels, als Hauptstadt

 

1926

Laut Volkszählung leben in der Sowjetunion l.238.549 Deutsche

 

1926

In Moskau erscheint die „Deutsche Zentralzeitung“ (DZZ)

 

1928

Die Zwangskollektivierung

 

1929

Im November und Dezember sind an die 14.000 Deutsche mit ihren Familien aufgebrochen, um über Deutschland nach Amerika auszureisen. Deutschland erlaubt 5.671 Deutschen die Durchreise. Die Abgewiesenen werden von sowjetischen Behörden zurücktransportiert und entweder sofort oder später brutal gemaßregelt.

 

1933

Zweite große Hungersnot an der Wolga und in der Ukraine, eine Folge der Zwangskollektivierung, die besonders die Landbevölkerung trifft

 

1937-38

Höhepunkt des Stalin’schen Terrors. Die letzten deutschen Kirchen werden entweiht, kein deutscher Priester bleibt im Amt, viele Geistliche werden umgebracht. Deutsche Männer werden in noch viel größerem Umfang als Sowjetbürger anderer Nationalitäten unter fadenscheinigen Beschuldigungen verhaftet und zum größten Teil beseitigt, d.h. erschossen

 

1.9.1938

Alle deutschen Schulen außerhalb der ASSR der Wolgadeutschen werden in russische umgewandelt

 

28.8.1941

Ukas über die Aussiedlung der Deutschen aus den Wolgaregionen

 

1943

Überwachungskommandanturen und monatliche Meldepflicht für alle Russlanddeutschen in der UdSSR werden angeordnet

 

1944

Deutsche Truppen besetzen Odessa; ein Teil der Schwarzmeerdeutschen wird im Warthegau angesiedelt

 

8.5.1945

Für die Russlanddeutschen gehen auch nach Kriegsende Fronarbeit und Tod in der Verbannung weiter

 

Okt. 1946

In den Sondersiedlungen des NKWD werden 2.463.940 Personen festgehalten. Davon sind 895.637 deutsch und 577.121 ehemalige „Kulaken“(enteignete Bauern) mit einem hohen Anteil an Deutschen

 

26.11.1948

Der Oberste Sowjet verschärft die Bedingungen für Deutsche mit einem Dekret, das die Verbannung auf ewig festschreibt und für unerlaubtes Verlassen des Aufenthaltsortes 20 Jahre Arbeitslager vorsieht

 

13.12.1955

Das Dekret über die Aufhebung der Beschränkungen der Rechte der Sondersiedler wird verabschiedet, jedoch nicht veröffentlicht

 

29.8.1964

Der Ukas des Obersten Sowjets vom 28.8.1941 wird endlich aufgehoben, ohne dass eine echte Rehabilitierung der Russlanddeutschen oder gar eine Rückgabe ihres Eigentums erfolgt

 

Jan. 1965

Eine erste Delegation mit 13 russlanddeutschen Frauen und Männern versucht in Moskau vergeblich, mit 600 Unterschriften eine Wiederherstellung der deutschen Autonomie an der Wolga zu erreichen

 

Juni 1965

Eine zweite russlanddeutsche Delegation reist mit 4.000 Unterschriften nach Moskau, um die Wiedererrichtung der Autonomie zu erreichen, wird jedoch vom ZK abgewiesen

 

1969

In der Sowjetunion leben laut Volkszählung 1.846.317 Deutsche. 66,8 % von ihnen geben Deutsch als Muttersprache an

 

1971-1982

Über 70.000 Russlanddeutsche profitieren von der Ost-West-Entspannung. Sie dürfen nach Deutschland ausreisen. Aber das ist nur ein Bruchteil der Ausreisewilligen

 

30.9.1973

In Karaganda/Kasachstan lösen 400 Milizionäre und Soldaten eine Demonstration ausreisewilliger Deutscher auf

 

1.8.1975

In Helsinki wird die KSZE-Vereinbarung unterzeichnet. Für Russlanddeutsche sind die Verankerung der Menschenrechte und Grundfreiheiten, die Verbesserung der familiären Bindungen und Reisemöglichkeiten besonders wichtig. Doch die Zusicherungen sind nicht das Papier wert, auf denen sie festgeschrieben sind

 

1989 Die Gesellschaft „Wiedergeburt“ wird gegründet, die sich vehement für die Wiederherstellung der deutschen Republik an der Wolga einsetzt

 

1991

Russland erklärt mit dem Gesetz “Über die Rehabilitierung der repressierten Völker“ die seinerzeitigen Repressalien gegen Deutsche und andere Völker der UdSSR für ungesetzlich und verbrecherisch

 

1996-2002

Der Ausreisewille der Russlanddeutschen ist nach vielen Enttäuschungen in der Vergangenheit und Versprechungen in der Gegenwart ungebrochen. Hohe Politiker und Beauftragte der Bundesregierungen versuchen zwar ihr Möglichstes, aber alle Koffer sind schon gepackt. Auch der Versuch von Politik und Medien, den Eindruck zu vermitteln, dass sich das Leben für Deutsche zumindest in der Russischen Föderation lohnt, findet nur wenig Beachtung. Ein Neuanfang für das Deutschtum in den Nachfolgestaaten der Sowjetunion ist nur durch ein totales Umdenken auf allen Seiten möglich

 

Quelle: „Zwischen den Kulturen“, Broschüre der Landsmannschaft der Deutschen aus Russland e.V

 

Lebenslauf Nelli Kossko

 

Nelli Kossko wurde am 29.08.1937 im Dorf Marienheim in einer deutschen Kolonie am Schwarzen Meer (ehemalige UdSSR) in der Familie eines Lehrers geboren.

Ihr Vater wurde 1937 während der Stalin’schen Säuberungen umgebracht, sie selbst wurde mit ihrer Mutter nach Kriegsausbruch mit der UdSSR und dem Vormarsch der Wehrmacht nach Deutschland ausgesiedelt. Die Familie kam bis Dresden, wurde nach Kriegsende von den Sowjets in die UdSSR zurückverschleppt und in den Norden des Landes verbannt – „für ewig“, wie es hieß.

Doch der Tod Stalins 1953 brachte eine Wende in die schwierige und scheinbar so ausweglose Situation der Russlanddeutschen in der SU: 1956 durfte Nelli Kossko den Verbannungsort an der Behringstrasse verlassen und ein Germanistikstudium aufnehmen. Nach dem Abschluss an der Universität arbeitete sie an den Lehrstühlen für Germanistik in Tiraspol, dann in Belcy (ehemaliges Bessarabien) und schließlich in Nishny-Tagil (Ural).

1975 wanderte sie mit Familie nach Deutschland aus.

Hier wechselte sie den Beruf und nahm eine Tätigkeit als Redakteurin im „Russischen Dienst“ des Auslandssenders Deutsche Welle in Köln auf.

Nach achtzehn Berufsjahren ging Nelli Kossko dann in den Ruhestand, doch da sie sich dem Thema „Russlanddeutsche“ verschrieben hatte und die Zahl der Aussiedler rasant zu steigen begann, gründete sie mit Gleichgesinnten die Aussiedlerzeitung „Ost-Express“ und leitete das Blatt als Herausgeberin und Chefredakteurin erfolgreich sechs Jahre lang.

Bekannt wurde sie auch als Autorin des Buches über die Russlanddeutschen „Die geraubte Kindheit“, dem ersten Teil der geplanten Trilogie „Die Quadratur des Kreises“.

 

Zurzeit lebt Nelli Kossko im Westerwald, Kreis Altenkirchen, ist weiterhin journalistisch aktiv und setzt sich für die Belange der Deutschen aus Russland ein.

 

 

 

 



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