Am andere Ende der Welt – Fortsetzung der Publikation in deutscher Sprache – Teil 2 (30.05.2021)


 

Н. Косско

 

Der Major

 

Es war ein immer wiederkehrender Traum: ein paradiesisches Märchenland mit wunderlichen Tieren, Vögeln, Bäumen und einem Knusperhäuschen am ebenso wunderlichen Bach. Wunderlich, weil alles in diesem Land aus – Weißbrot war, aus weißen Broten mit zarter, gelbgoldener Kruste! Doch jedes Mal, wenn ich die Hand ausstreckte, um zumindest von einem Baum oder Strauch einen Zweig abzubrechen, kam etwas dazwischen und ich wachte enttäuscht auf.

Diesmal – da hätte ich schwören können! – konnte ich sogar den Duft des Brotes wahrnehmen. Ich klammerte mich an den Traum, wohl wissend, dass ich jede Minute aufwachen konnte und diese schöne Welt sich wie Rauch verflüchtigen würde, auch der Duft vom Brot.

Und da war ’s auch schon passiert. Enttäuscht öffnete ich die Augen und schloss sie schnell wieder, denn der Traum schien nicht vorbei zu sein: Ich sah einige Brote, weiße und dunkle, aber auch andere längst vergessene Sachen wie Zucker, Butter und Wurst, richtige Wurst!

In meinem Traum kamen diese Dinge nie vor, da stimmte etwas nicht.

Ich öffnete erneut die Augen – es änderte sich nichts: auf dem Spind neben meiner Pritsche lagen all die Kostbarkeiten, von denen ich eben noch geträumt hatte – in rauen Mengen, wie es mir damals vorkam, alles ordentlich nebeneinander.

Mit einem Ruck setzte ich mich auf. An meiner Pritsche stand eine lachende und weinende Mama, dahinter fremde Männer und vor meinem Bett prangte der Spind mit dem darin gestapelten Reichtum.

Es war also doch kein Traum!

 

Mama richtete ein Abendbrot her und wir aßen alle zusammen, wie eine große Familie. Dann verabschiedeten sich unsere neuen Freunde und versprachen, morgen wieder vorbeizukommen. Mama brachte sie noch vor die Tür und ging dann wortlos an mir vorbei zu ihrer Pritsche.

Mir war ’s sogar recht. Nach dem üppigen Mahl hatte ich nur einen Wunsch – weiterzuschlafen. Doch da wurde ich plötzlich auf ein Geräusch aufmerksam, das mich beunruhigte. Vorsichtig ging ich zu Mamas Pritsche und sah sie in der Ecke kauern. Sie hielt ein Bündel Geldscheine in der Hand, murmelte ein Gebet und weinte.

Ich wollte sie trösten, unterdrückte aber meine erste Regung und ging auf Zehenspitzen zu meinem Platz. Sollte sie sich ruhig ausweinen, denn es waren keine bitteren, verzweifelten Tränen, vor denen ich mich fürchten musste; es waren Freudentränen, Tränen der Erleichterung, des Dankes.

 

„Aha!“, bekommt unser Milizmann Kulleraugen, als er Mama mit dem Geld so dasitzen sieht. „Aha ...!“, wiederholt er noch einige Male. Er kann es auch nicht fassen, stottert vor Aufregung, überlegt fieberhaft, will wissen, woher das viele Geld plötzlich herkomme.

Widerwillig erzählt Mama ihm in einigen Worten die Geschichte, er will ihr nicht glauben, wittert eine neue Chance für seine Laufbahn: Welcher Idiot würde schon mir nichts dir nichts so viel Geld an eine wildfremde Frau verschenken? Sicher ist das hier ein Komplott, womöglich eine Organisation von Diversanten und Spionen, den Fritzen ist ja alles zuzutrauen.

Er beginnt sofort an Ort und Stelle mit dem Verhör, wütet, schreit, droht und schubst Mama herum; will die Namen wissen – will das Geld.

Doch Mama hält das Rubelbündel fest in der Hand, so fest, als hinge ihr Leben davon ab; wahrscheinlich war es auch so.

Der Milizmann geht unverrichteter Dinge davon und lässt dabei die letzte Drohung fallen: „Wirst sehen, was dir blüht, du deutsches Luder, morgen komme ich mit einem NKWD-Mann! Der wird euch schon überführen, alle!“

 

Mir fiel auf, dass einer der Soldaten, die in der anderen Hälfte der Baracke Häftlinge bewachten, das Geschehen an unseren Pritschen aufmerksam verfolgte. Als dann seine Ablösung erschien, sprach er aufgeregt mit dem Offizier, fuchtelte mit den Armen herum und versuchte, ihn ganz offensichtlich zu überzeugen, bloß wovon?

Von Zeit zu Zeit schauten beide zu uns herüber. Plötzlich stand der Offizier auf und kam direkt auf uns zu.

„Die Staatssicherheit! Wie schnell die doch sind!“, schoss es mir durch den Kopf.

„Wer ist der Mann, der da eben von euch weggegangen ist?“, fragte der Offizier streng.

„Ein Milizmann –“, weiter kam ich nicht, denn er unterbrach mich: „Das habe ich auch mitgekriegt, aber was will er von euch?“

Mama, die bisher geschwiegen hatte, sagte mit ruhiger, aber fester Stimme: „Das, Bürger Offizier, müssen Sie besser wissen. Ist doch auch Ihre Aufgabe.“

Und plötzlich, als wäre ein Damm gebrochen, fing sie zu erzählen an, beschrieb unsere bisherige Reise, beschwerte sich bitter über den Milizmann und – stockte plötzlich. Ich folgte ihrem Blick und erstarrte: Im Durchgang stand unser „Schutzengel“, kreidebleich vor Wut – und ganz offensichtlich auch vor Angst.

Der Mann, der Mama bis dahin aufmerksam zugehört hatte, wandte sich nun, nachdem er unsere entsetzten Gesichter gesehen hatte, auch um.

„Wenn man vom Teufel spricht“, murmelte er und herrschte den Milizmann an: „Stimmt das alles?“

Doch ehe der antworten konnte, meinte der Offizier: „Es stimmt, wusste ich doch! Es stimmt, du Hurensohn! Das sieht man dir regelrecht an! Also gut, du wolltest bei den Staatssicherheitsorganen Meldung erstatten. Nun, da bin ich, reicht dir das? Was hast du also zu melden?“

„Es war nicht so gemeint, Herr Major, ich wollte die Fritzen ja nur einschüchtern …“

„Ist dir auch gelungen, du Halunke. Noch irgendwelche Pläne?“

„Nein, Genosse Major, keine!“, der Milizmann stand stramm, atmete kaum.

„Du lässt die Frau von nun an in Ruhe, sie und ihr Geld. Ich hoffe, ich habe mich klar ausgedrückt?“

Der Milizmann nickte bereitwillig, versuchte ein Lächeln, dass aber sehr schnell wieder verschwand, denn der Major geriet immer mehr in Rage: „Ich werde dich im Auge behalten, das schwöre ich! Und bete zu Gott, dass sich dein ‚Urlaub’ in Magadan nicht in die Länge zieht, denn das kann ganz schnell passieren! Ich kann da auch etwas nachhelfen. Aber was soll ’s, du kennst doch unsere Möglichkeiten, die sind grenzenlos. Und an mir soll es nicht liegen“, meinte er hart und ging grußlos davon.

Auf hoher See

 

Wie schön doch die Welt sein kann, wenn man keinen Hunger und keine Angst hat, wenn es ein bisschen Hoffnung gibt, wenn man nicht am äußersten Rand vom Abgrund steht!

Das Meer, das mich anfangs so enttäuscht hat, ist nun genau so, wie es in meinen Träumen herumgeistert, nur fehlen die Palmen, die exotischen Bäume und Früchte. Dafür aber wachsen genug andere Bäumchen und blühende Sträucher am Strand, die leichte Brise kräuselt die grün-blaue, mit hellem Sonnenschein überflutete Meeresoberfläche und liebkost die Haut. Sogar dem Durchgangslager, das auf einem Hügel außerhalb der Stadt liegt, kann ich jetzt einige angenehme Seiten abgewinnen. Keine leichte Aufgabe, denn nur unsere Baracke liegt außerhalb des dichten Stacheldrahtzaunes, der alle anderen, in denen die Gefangenen auf ihren Abtransport warten, abgrenzt. Dahinter erstreckt sich ein riesiges Lager, dessen Territorium in Quadrate aufgeteilt ist, die wiederum voneinander durch Stacheldraht abgegrenzt sind. Darin stehen Baracken, für Frauen und Männer getrennt, deren zeitweilige Bewohner sich angeregt über den Zaun unterhalten. Die Lagerleitung und die Wachen nehmen das ziemlich locker, ihre Sorge gilt einzig und allein dem äußeren Stacheldrahtzaun.

 

Der Sommer neigte sich seinem Ende zu, doch wir kamen irgendwie nicht voran in der Liste der Schiffspassagiere. Längst waren unsere deutschen Freunde abgereist. Mama und ich brachten sie zum Zug, der Richtung Westen fahren sollte. Aber würde er es auch? Das war die Frage, auf die keiner von uns eine Antwort wusste.

Die Stimmung war gedrückt, die Männer niedergeschlagen. Man wagte nicht an ein bisschen Glück zu glauben, denn zu oft wurden Hoffnungen enttäuscht. Bevor die Männer in den Zug stiegen, beteten wir noch das „Vater unser“. Dann standen wir allein auf dem Bahnsteig: es war wieder mal ein trauriges Abschiednehmen von Freunden, die uns das Schicksal in schwerer Stunde beschert hatte.

 

Im Lager änderte sich auch einiges: Tag und Nacht kamen Gefangenentransporte an, und bald platzte es aus allen Nähten. Ein Teil der Häftlinge musste sogar in unserer Baracke untergebracht werden, doch möglichst weit weg von den „Normalbürgern“ in der hintersten Ecke dieser kläglichen Behausung. Jegliche Kontakte zwischen den beiden Gruppen waren selbstverständlich untersagt.

Für mich war es ein Rätsel, zu welcher Gruppe wir eigentlich gehörten, doch so sehr ich mir auch den Kopf darüber zerbrach, eine Lösung fand ich nicht. Wir waren keine Gefangenen in Häftlingskluft, aber auch keine frei angeworbenen Arbeitskräfte, sondern so ein Mittelding, ein Weder - noch ... Ein fragwürdiges Privileg, das uns – ob wir es wollten oder nicht – in allen Lagen unser Leben lang vorenthalten blieb, nicht wie alle anderen zu sein.

Diese Besonderheit kam wieder mal zur Geltung, als endlich die erlösende Nachricht kam, das Schiff sei eingetroffen und es handele sich nur noch um ein, zwei Tage, bis wir weiterreisen könnten.

 

Dann war es soweit: Eines Abends kam unser Milizmann in die Baracke: Wir sollten unsere Siebensachen packen, denn morgen in der Früh würden wir unsere Seereise antreten.

Der Milizmann machte einen eigenartigen Eindruck. Es hatte sich in seinem ganzen Wesen eine auffallende Verwandlung vollzogen, die wie ein Wunder wirkte: sein Ton war fast normal, er brüllte und tobte nicht wie sonst herum, beschimpfte uns nicht mehr als Fritzen und Faschisten, ja quälte sich ab und zu sogar ein Lächeln ab.

„Sieh mal einer an“, dachte ich mit Schadenfreude, „die können ja auch Menschen sein, wenn sie wollen – oder müssen?“

 

Am nächsten Morgen hatte ich den Milizmann jedoch vollends vergessen, denn in der Bucht lag das weiße Schiff auf der Reede, das uns von hier weg und zu Eddie bringen sollte. Endlich! Am liebsten wäre ich zum Schiff hinausgeschwommen, so eilig hatte ich es, von hier wegzukommen!

Doch nicht nur mir erging es so; die Bewohner der Baracken strömten in Scharen zum Hafen, von wo aus sie in kleinen Gruppen mit Booten auf das Schiff gebracht wurden. Doch zuerst gingen die Häftlinge an Bord, und das hatte seinen Grund, den wir erfuhren, als wir das Deck betraten. Denn hier, an Bord des Schiffes, ging alles wieder seinen „sozialistischen Gang“, entsprechend dem moralischen Kodex des Arbeiter- und Bauernparadieses wurden auch die Plätze auf dem Schiff, das eigentlich ein Frachter war, zugeteilt. Die Häftlinge verschwanden in den Tiefen des Schiffsbauches, im Laderaum, einem tiefen, mit Eisen beschlagenem Loch mit zweistöckigen, grob gezimmerten Holzpritschen und einem riesigen Kübel in der Mitte, für die Notdurft, für alle, ob Frauen oder Männer. Die menschliche Würde? Wer wollte sich schon darüber graue Haare wachsen lassen?

Nach den Häftlingen durften die „Freien“ die wenigen Kabinen des Frachtschiffes in Besitz nehmen, und schließlich kamen alle anderen an die Reihe, die für diesen Luxus nicht das notwendige Kleingeld besaßen und die Gruppe der so genannten Zwischendeckpassagiere bildeten.

Mama geriet wieder mal in Panik und versuchte, einen vor Wind und Regen geschützten Platz zu ergattern, denn trotz der sommerlichen Wärme am Tag waren die Nächte schon ziemlich frisch.

„Geht schon in Ordnung, Muttchen, reg’ dich bloß nicht auf“, meinte einer unserer Mitreisenden. „In fünf bis sechs Tagen sind wir in Magadan, und die paar Nächte unter freiem Himmel sind doch für uns Romantiker ’ne Kleinigkeit, nicht?!“

Er lächelte verschmitzt, legte den Rucksack unter den Kopf, zog seine Mütze tief ins Gesicht und wünschte allen eine gute Nacht.

 

Der Mann schien recht zu behalten; das Wetter meinte es gut mit uns, die See war ruhig und der Frachter bahnte sich schnaubend und stöhnend den Weg durch die grauen Wassermassen des Ochotskischen Meeres.

Doch dann änderte sich alles schlagartig: Am dritten Tag brach urplötzlich ein Sturm aus. Meterhohe Wellen schossen wie eine steile Wand an unserem Schiff hoch, wichen zurück, um ein abgrundtiefes Loch zu hinterlassen, in das unser Schiff wie ein Spielzeug hineinfiel, dann wieder in die Höhe geschleudert wurde und erneut in die Tiefe raste. Das Schiff legte sich gefährlich mal auf die eine, mal auf die andere Seite, wir rutschten samt unserem Lager mit und liefen Gefahr, von einer der riesigen Wogen in die dunklen Tiefen gerissen zu werden. Ich klammerte mich an Mama, die sich an einem Pfosten festhielt.

Doch lange hätten wir auf Deck der Urgewalt nicht standhalten können und wären sichere Beute der Wellen geworden, wäre da nicht das Kommando gekommen: „Alle in den Laderaum, schnell!“

Das war leichter gesagt als getan, denn die Luke war viel zu eng, die eiserne Leiter, die nach unten führte, steil, nass und glitschig, der Gestank, der uns entgegenschlug, bestialisch. Dennoch fühlte man sich hier unten etwas sicherer; der Wind und die Wellen wüteten draußen, das Getöse war nicht so unerträglich laut und ohrenbetäubend.

„Mein Gott! Ich dachte immer, es gibt nichts Schlimmeres, als einen Bombenangriff, aber das hier …“, sah Mama sich hilflos um, in der Hoffnung einen Platz zu finden. Keine leichte Aufgabe in dem vollgepferchten Laderaum, denn nun gesellten sich zu den Tausenden von Häftlingen noch ein paar Dutzend Zwischendeckpassagiere. Man rückte murrend zusammen, wir konnten uns hinsetzen und sogar die Beine ausstrecken.

Erst jetzt hatte ich den Ursprung des Gestanks entdeckt: es war der Kübel mit den Fäkalien vieler, vieler Menschen, dessen Inhalt bei jedem Schlingern des Frachters überschwappte.

 

Draußen wurde es immer lauter, der Frachter schlingerte unaufhörlich, und jeder fürchtete insgeheim, nun sei es um uns geschehen. Die Menschen beteten laut in verschiedenen Sprachen (die Passagiere gehörten verschiedenen Nationalitäten an), soweit sie überhaupt noch fähig waren, zu beten. Denn die Seekrankheit gab den geschwächten Körpern den Rest: Die meisten Passagiere lagen apathisch mit geschlossen Augen auf ihren Plätzen und – was Wunder! – warteten betend auf das Ende, sehnten es womöglich herbei.

 

Irgendwann ging dann ein Raunen durch den Laderaum – von Pritsche zu Pritsche, von einer Gruppe zur anderen: „Die Maschinen sind ausgefallen!“

Panik brach aus. Die Menschen drängten sich um die eiserne Leiter, versuchten hochzuklettern, doch die Luke gab nicht nach. Wir waren gefangen in diesem Loch, das uns zur Todesfalle zu werden drohte. Verzweifelte Schreie, wüste Verwünschungen, flehentliche Bitten und Gebete fügten sich zu einem so schauerlichen Aufschrei zusammen, dass er oben trotz des Heulens des Windes und des Sturms gehört wurde: Zwei Wachsoldaten rissen fluchend die Luke auf, richteten ihre Gewehre in die Öffnung und fragten nach dem Grund des Aufruhrs. Dann versuchten sie, die aufgebrachten Menschen zu beruhigen: „Wir mussten den Anker auswerfen, es ist gefährlich, unter diesen Umständen weiterzufahren. Sobald der Sturm nachlässt, geht es weiter. In ein, zwei Tagen …“

Es wurden sieben qualvolle Tage und Nächte daraus, und als man den Anker lichtete, gab es unter uns fast niemanden mehr, der gehen oder stehen konnte.

 

Die Ankunft in der berühmt-berüchtigten Hauptstadt des Archipel GULag Magadan hatte ich nicht bewusst erleben können: die Seekrankheit, der akute Mangel an Nahrung und Wasser führten dazu, dass meine Mama und ich, wie übrigens die meisten Passagiere des Frachters, auf Tragen das Schiff verließen und mit einem Sanitätswagen in das Städtische Krankenhaus gebracht wurden – noch ehe wir uns bei dem dortigen Kommandanten melden konnten. Aber wir hatten ja unseren Milizmann dabei, denn auch er wurde ins Krankenhaus eingeliefert: Die Urgewalt der Natur macht nämlich keinen Unterschied zwischen den Mächtigen dieser Welt und den Geknechteten.

Am Kältepol

 

Tante Nina bückt sich zu dem blaugrünen Teppich, der sich vor uns endlos bis zum steilen Abhang des Berges hinzieht und aus Tausenden und Abertausenden von Blaubeerbüschen vollbehangen mit großen und saftigen Früchten gewebt zu sein scheint.

„Schaut, so wird ’s gemacht“, meint sie, schiebt eine kleine Schippe mit Drahtgitter unter der Oberschicht dieser Pracht durch und schüttet Sekunden später eine volle Ladung Blaubeeren in den Eimer.

Die Schippe ist der Einfall eines klugen Kopfes, der das Einsammeln dieser Waldfrüchte, der wenigen Vitaminträger in unseren Breitengraden, so erleichtert, dass die Beerenernte zur Routine wird und wir daran schon fast keinen Spaß mehr haben. Im Nu sind unsere Eimer mit Blaubeeren gefüllt, und wir sehen uns enttäuscht um. Fast jungfräulich liegt die blaue Pracht auf einem smaragdgrünen üppigen Moosteppich vor uns, als hätten wir hier nicht gerade noch mit unseren Wunderschippen herumgewütet.

Unsere Gier rächt sich dann auch bald, und Mutter Natur setzt noch einen drauf: die Eimer mit der Beute werden mit jedem Schritt schwerer und die Wolken von Stechmücken um uns herum immer dichter. Zu Hause angelangt, sind wir am Ende unserer Kräfte, die Gesichter mit Mückenstichen übersät, rot und aufgequollen, die Hände voller Schwielen, aber ansonsten glücklich wie es eben die Familienversorger sind, wenn sie mit einer fetten Beute aufwarten können.

Leider ist aber der Arbeitstag damit noch nicht zu Ende, denn die Beeren müssen verlesen und das viele Laub (ein wesentlicher Nachteil unserer Erntemaschine!) aussortiert werden.

 

Am nächsten Tag geht es zur Abwechslung in die Berge. Da reifen an den Hängen schwarze Johannisbeeren und rote Preiselbeeren in fast genau so rauen Mengen, wie die Blaubeeren im Tal, und diese vitaminreiche Kost ist bei den Einwohnern der Siedlung sehr begehrt. Eile ist auch hier beim Pflücken geboten, denn die Vegetationszeit beträgt in der Waldtundra etwa 100 Tage, das heißt, Frühling, Sommer und Herbst dauern zusammen nicht einmal drei Monate.

Und in der Halbzeit explodiert hier eben die Natur. Die obere Bodenschicht sowie das bis zum Grund durchgefrorene Wasser der Flüsse tauen auf, das Krummholz, das exakteste Barometer dieser Gegend, richtet sich in voller Höhe auf und trägt Früchte, kleine Zapfen mit leckeren Nüssen; in den Niederungen zwischen den Bergen strecken Butterpilze ihre braunen Kappen aus dem grünen Moos, und dazwischen immer wieder die blaugrünen Wogen von Blaubeeren, Blaubeeren, nichts als Blaubeeren so weit das Auge reicht.

Und über all diesem Reichtum hängen dunkle Wolken von Stechmücken, die größte Plage im schnell dahin eilenden Sommer und Herbst, welche Jahreszeiten hier gar nicht so empfunden werden, weil sie viel zu kurz sind.

 

Die Waldbeeren und Pilze sind so ziemlich alles, was wir ein paar Tage lang frisch auf den Tisch bekommen, denn alles andere wird auf Essensmarken in bescheidenen Rationen als Trockennahrung zugeteilt: Kartoffeln, Zwiebeln, Kohl, Ei- und Milchpulver, und einen halben Liter medizinischen Spiritus gibt es pro Kopf und Monat, als reine Medizin gegen Erkältungen und Erfrierungen. Mama glaubt nicht an diesen Hokuspokus und verschachert unsere Rationen für nützlichere Dinge, für Brot und andere Lebensmittel. Eine Flasche hebt sie dennoch auf – für medizinische Zwecke.

 

Zu hungern aber brauchen wir nicht mehr. Das Essen ist zwar nach wie vor knapp bemessen, aber es gibt schon Sachen, an denen man sich satt essen kann, zum Beispiel Lachs. Man bringt ihn tiefgefroren (frei in der Natur bei minus 40 bis minus 50 Grad!) auf einem Laster in die Siedlung. Die Ladung wird kurzerhand in den Schnee neben dem kleinen Laden gekippt und auf der Stelle an den Mann gebracht. Obschon man hier keine Kühlschränke kennt und diese übrigens die meiste Zeit auch nicht gebrauchen könnte, kauft man auf Vorrat, denn auf Nachschub muss man meist monatelang warten.

Doch oft zahlt sich die Vorsichtsmaßnahme nicht aus, denn wenn die Temperaturen längere Zeit unter der Minus 50 Gradgrenze bleiben, zerfallen Fisch und auch Fleisch zu feinstem Staub.

Jetzt aber, unmittelbar nach der Lieferung, gibt es in jedem Haus Fisch: Fisch gebraten, Fisch gedünstet, Fisch in Marinade eingelegt, Fisch gesalzen, Fisch geräuchert ... Kein Wunder, dass man da zu einem Fischhasser wird, auch wenn es ein Edelfisch wie der Lachs ist!

Tante Nina meint, wir würden, wie die Katzen, infolge übermäßigen Fischgenusses noch unsere Haare verlieren.

 

Diese Prophezeiung stellte sich später als unbegründet heraus und wich schließlich einer anderen Sorge: Nicht unsere Haare, sondern unsere Zähne sind wegen des akuten Vitaminmangels in Gefahr, und diesem Übel, das sich unter dem merkwürdigen Namen „Skorbut“ verbirgt, ist schwer beizukommen. Dagegen gibt es hier keine Mittel, außer Tee und Saft aus Tannen- und Krummholznadeln und, wer hätte das gedacht, Lebertran!

Damit sind wir wieder beim „Fisch“ angelangt, und das lässt sich nicht ändern, denn auch Tante Nina schwört, aus Sorge um ihre und unsere Haare, auf das abscheulich riechende flüssige Fett aus der Wal-Leber.

Die neuen Ufer

 

Tante Nina war der erste Mensch, der sich um uns kümmerte, als wir vor einem Jahr nach monatelanger Reise per Zug, Schiff und Laster in der kleinen Bergbaussiedlung ankamen, die 700 Kilometer landeinwärts von Magadan lag, da, wo die Taiga in die Tundra übergeht.

Damals, als Mama und ich nach langem Aufenthalt im Krankenhaus endlich imstande waren, uns bei der Kommandantur in Magadan zu melden, erfuhren wir, dass Eddie keines unserer Telegramme erhalten hatte, weil er mit seiner Familie gerade zu diesem Zeitpunkt zu einem anderen und dann wieder zum nächsten Verbannungsort gebracht wurde und uns gänzlich aus den Augen verloren hatte. Fast zeitgleich trafen wir dann in der Bergbausiedlung Arkagala ein, wo wir trotz der auftretenden Nachtfröste einige Tage unter freiem Himmel verbringen mussten, ehe Tante Nina kam und zumindest die zwei kleinen Kinder meines Bruders bei sich aufnahm. Sie war es auch, die die Grubenverwaltung dazu brachte, uns eine Bleibe zu verschaffen: ein baufälliges Häuschen, das aus einem kleinen Vorbau und einem winzigen Zimmer bestand – mit einem eisernen Kohleofen in der Mitte.

Abgesehen davon, dass sich vier Erwachsene und zwei Kinder in diesem Raum kaum bewegen konnten, ohne einander zu rammen, musste man gut aufpassen, dass der Ofen im Winter nicht ausging, denn sonst konnte man im eigenen Bett erfrieren.

Das „eigene Bett“ erwies sich auch als ein ziemlich dehnbarer Begriff, denn es passten eben nur zwei Betten in das „prachtvolle Gemach“, so dass der Rest der Familie es sich auf dem Boden auf Strohsäcken gemütlich machen musste, die tagsüber unter die Betten geschoben wurden. „Stroh“ durfte man auch nicht wörtlich nehmen, so was gab es hier nicht; stattdessen wurden in die Matratzen Moos oder kleine Fichtenzweige gesteckt.

 

In der Früh musste Eddie als Erster aufstehen, denn zu seinen Aufgaben gehörte das morgendliche Öffnen der Außentür, das keine einfache Leistung war, denn sie war über Nacht meistens zugefroren und konnte ohne Axt nicht vom Eis befreit werden. „Die Tür frei hacken“, nannten wir das, statt „die Tür aufmachen“.

Zu alldem gab es hier im Winter kein Wasser, weil alle Flüsse zugefroren waren. Man sägte aus dem nahegelegenen vereisten Fluss riesige Eiswürfel heraus, brachte sie auf einem Schlitten in die Siedlung und verkaufte sie an die Einwohner, die sie dann auftauen mussten. So stand in unserer kläglichen Behausung den ganzen lieben Tag eine Dunstwolke, die ununterbrochen aus dem riesigen Topf auf dem Herd herausquoll.

 

Sie war unheimlich, die Mondlandschaft mit den fast kahlen Hügeln und Bergen und tiefen Schluchten dazwischen, in der wir nun lebten, besonders im Winter bei Windstille und Niedrigtemperaturen bis minus 50, 60 Grad, wenn der Schnee in den meterhohen Schneewehen intensiv blau schimmerte, die Luft zum atmen zu dünn war, die Augen vor Kälte schmerzten und der Atem in der Luft gefror.

Die Natur schien durch Eis und Schnee für ewig zusammengeschweißt und zu Stein gefroren zu sein. Die Sonne, die es in Wintermonaten kaum über den Horizont hinaus schaffte und meist nur für einen kurzen Augenblick zum Vorschein kam, tauchte tagsüber die leuchtend blauweiße Einöde in ihre schwachen Strahlen. Dann schimmerte alles in eisig kalten rosaroten Farben – ein wunderliches Lichtspiel der Natur, das nur kurze Augenblicke dauerte, um dann wieder der nebligen Dunkelheit Platz zu machen.

 

Die Siedlung lag in der Schlucht, im Schutz der Berge, wo vereinzelt Zwerglärchen mit krummen, verkrüppelten Stämmen wuchsen. Es schien, als wollten sich die niedrigen Baracken und wenigen kleinen Häuschen mit ihren winzigen, vereisten Fenstern vor der klirrenden Kälte und dem Schnee, der hier nicht weiß, sondern bläulich schimmerte, in die Hänge, in den Boden drücken, so, wie das einzige ewig grüne Gewächs, das Krummholz, das sich mit dem Winteranfang immer mehr zu Boden neigte und sich schließlich dort wie Efeu ausbreitete.

 

Hier war in den 30er Jahren das größte Steinkohlevorkommen der Region entdeckt worden, und um die Steinkohleförderung drehte sich alles im Leben unserer Siedlung – das der wenigen „Freien“, der Verbannten und Deportierten und der Insassen des Gefangenenlagers, das von allen Seiten gut sichtbar, aber ziemlich unzugänglich, auf einem Hügel oberhalb der Siedlung lag.

Jeden Morgen schlängelte sich aus dem Tor des Lagers mit dreifachem Stacheldrahtzaun und zahlreichen Wachtürmen eine endlose Raupe von hunderten vermummter Gestalten, die sich in Begleitung von Wachhunden und Soldaten langsam in Richtung Kohlegrube wälzte und von ihr geschluckt wurde, um am späten Abend ausgequetscht und kraftlos wieder ausgespuckt zu werden. Da hatten es die Sondersiedler und Deportierten schon besser; die durften ohne Hundegebell und Kolbenschläge zur Arbeit gehen.

 

Im Großen und Ganzen aber gestaltete sich unser Leben hier viel erträglicher, als in den Wäldern des Kostromagebietes, denn hier waren wir nicht mehr die Geächteten und Ausgestoßenen unter rechtschaffenen Bürgern. Außer den wenigen „Freien“, der Betriebsleitung und einigen Dutzend Angestellten und Arbeitern, die frei angeheuert wurden und sich hier einen schnellen Rubel verdienen wollten, waren die Bewohner der Siedlung ausschließlich Umsiedler, Sondersiedler, Verbannte und ehemalige politische Häftlinge, die, wie wir, keine Hoffnung hatten, diesen Ort je wieder lebend zu verlassen. Wir waren alle gleich in unserem Unglück.

Die Bestimmungen für die Sondersiedler nahm man hier auch lockerer, und so wurde ich nach meinem 15. Geburtstag nicht zur Zwangsarbeit eingezogen, sondern durfte weiter die Schule besuchen. Pro forma musste ich mich aber monatlich beim Kommandanten melden, damit er wusste, dass ich zwischenzeitlich nicht geflohen war.

Paradox, wie man meinen sollte. Aber wir lebten eben im Land der Paradoxe.

Wenn die Spucke im Fliegen gefriert …

 

Es ist wie ein wuchtiger Schlag ins Gesicht, als ich die Klasse 7 A betrete. Da sitzen sie, die sauberen, gepflegten, satten und sorglosen Elitekinder – durch die Bank alle Passagiere des 1. Klasse-Wagens!

„Da gehöre ich nicht hin!“, ist mein erster Gedanke, der in der nächsten Minute von einem Knirps bekräftigt wird: „Hast’ dich verlaufen, Alte? Musst’ wohl in die Zehn?“

Ich antwortet nicht, setze mich in eine der hintersten Bänke und lasse die Ereignisse auf mich zukommen. Der Zwerg hat schon recht, ich bin im letzten Sommer ein ganz schönes Stück gewachsen. Außerdem bin ich mindestens zwei Jahre älter als der Durchschnitt meiner künftigen Mitschüler, denn nach der Rückkehr aus Deutschland hat man mich, da ich kein Wort Russisch verstand, statt in die dritte, wieder in die erste Klasse gesteckt.

Eigenartig, es sind erst sieben Jahre vergangen, und ich beherrsche inzwischen Russisch viel besser als meine Muttersprache!

Mein Name sorgt für einige Verwirrung, als die Lehrerin mich der Klasse vorstellt, aber die Reaktion ist zurückhaltend und ruhig. Etwas in der Stimme der Lehrerin lässt mich aufhorchen, und ich hebe den Blick. Da ist doch etwas, was ich aus ihren Worten heraus gehört habe? Oder heraus gehört zu haben glaube? Die Lehrerin fängt gerade noch ihren prüfenden Blick ein, doch zu spät. Geübt in Misstrauen und immer auf der Hut, sehe ich, dass sie gereizt ist und ihren Missmut, trotz aller Mühe, die sie sich gibt, nicht verbergen kann. Doch die Klasse bleibt unbeeindruckt und starrt mich neugierig, aber nicht ohne wohlwollendes Interesse, an.

 

In der Pause quetscht man mich dann aus: woher, warum, wieso?

Dann das Übliche: „Was ist das für ein komischer Name – Wagner?“

Zum ersten Mal aber gibt man mir keine Chance, mich in die Schmollecke zurückzuziehen, denn mein trotziges „Weil ich Deutsche bin!“ löst plötzlich eine Welle der Begeisterung aus: „Wie romantisch, dann kannst du ja Deutsch. Prima, kannst uns bei Übersetzungen helfen. Wir haben einen tollen Deutschlehrer. Sicherlich bist du Tochter eines Kriegsgefangenen ...“

 

Diese Reaktion kam so unerwartet und ungewöhnlich, dass ich zu erzählen begann und nicht aufhören konnte.

Ich wunderte mich selber über meine plötzliche Redseligkeit, war aber so überglücklich, wie schon lange nicht mehr! Ich fand Freunde, die mich so akzeptierten, wie ich war. Das war vielleicht auch der Grund, warum ich mich, trotz der strapaziösen Fahrt zur Schule und zurück, jeden Morgen mit Freude auf den Weg zum Schulbus machte.

 

Der allerdings verdient es, näher beschrieben zu werden, denn das klapprige Gefährt, das uns jeden Morgen auf einem Schotterweg die 30 Kilometer in die Schule fuhr, war ein uraltes Modell, wie durch ein Wunder in diese Gegend verschlagen. In der Mitte des Busses stand ein eiserner Ofen, der von November bis einschließlich Mai während der fast zweistündigen Fahrt mit Steinkohle bei Laune gehalten werden musste, sonst wären wir im inneren dieser Arche Noah erfroren.

Es war schon ein beeindruckendes Bild, wenn der Bus morgens um sechs seine Fahrt aufnahm und dann, wie eine brennende Fackel, durch die Dunkelheit raste.

Trotz des glühenden Ofens war es aber im Bus, besonders in den hintersten Reihen, bitter kalt, deshalb versuchte jeder näher an die Wärmequelle heranzukommen, mit dem Erfolg, dass man bei dem kleinsten Ruck unseres Fahrzeugs gegen den rotglühenden Ofen flog und sich Verbrennungen zuzog. Das passierte jedoch nur den Neulingen, die „alten Hasen“ hatten gelernt, ihre bloßen Körperteile zu schützen. Dafür aber war die Kleidung meist mit Brandflecken gezeichnet, wenn nicht total ruiniert: Heile Mäntel, Mützen oder Fäustlinge waren in unserer Fahrgemeinschaft eine große Ausnahme.

Wenn wir endlich zähneklappernd und unausgeschlafen in der Schule eintrafen und in die wohlige Wärme der Klassenräumen eintauchten, übermannte uns eine unbeschreibliche Müdigkeit, die zu bekämpfen sinnlos war. So quälten wir uns mühsam durch die erste Stunde, dösten vor uns hin, und jeder Lehrer trug unserem Gemütszustand Rechnung, indem er keine besonders große Anforderungen an uns stellte. Damit der Unterricht und das Nervenkostüm der einzelnen Lehrer unter diesem Zusand nicht allzusehr litten, wechselte man sich ab, so dass der ganze Lehrkörper regelmäßig in den zweifelhaften Genuß der ersten Stunde kam.

Doch je später der Nachmittag, desto heiterer und lebendiger wurden wir und traten schließlich gut aufgeräumt die Heimfahrt an. Jetzt herrschte Hochstimmung, und der konnte nicht einmal die klirrende Kälte im Bus Abbruch tun. Nur wenn Sträflinge entlaufen waren und die Militärposten auf der Straße besonders gründliche Kontrollen vornahmen, verzögerte sich unsere Rückkehr, aber wir merkten es kaum: Eng aneinander geschmiegt, saßen wir in den Sitzen um den Ofen und nutzten die Pause für ein Schläfchen, denn davon hatten wir viel zu wenig.

 

So ging es tagein, tagaus das ganze Schuljahr durch: Wir waren von 6 Uhr bis 16, zuweilen auch bis 18 Uhr unterwegs, davon kamen etwa 6 Stunden auf den Unterricht. Und es fielen, trotz der fast unerträglichen Kälte und der Schneeverwehungen, nur wenige Stunden aus: Wenn es minus 60 Grad waren, durften wir zu Hause bleiben.

Wassilij aus der 10 B konnte diese Temperatur am besten vorhersagen.

„Wenn die Spucke im Fliegen gefriert, dann könnt ihr ruhig zu Hause bleiben“, meinte er selbstsicher, und wir befolgten eifrig seinen Rat: Jeden Morgen spuckten wir beim Verlassen unserer Behausungen erst einmal kräftig in die Luft und verfolgten gebannt den Flug der Spucke.

Nicht selten hatten wir Glück.

Das waren eben die „besonders erschwerten Bedingungen“, die man Absolventen der Schulen in diesen Breitengraden zugute schrieb und bei den Aufnahmeprüfungen an allen Universitäten der Sowjetunion berücksichtigte.

Ein Tod, der hoffen lässt

 

Etwas liegt in der Luft an diesem frühen Morgen des 5. März 1953. Es ist eigentlich alles wie sonst, und doch irgendwie anders.

Der Busfahrer, Onkel Mischa, stets düster und verschlossen, ist heute bester Laune, was ihm praktisch nie widerfährt. Den Ofen hat unser sonst so knauseriger „Brummbär“ bis zur Weißglut geschürt und lässt immer wieder den Motor aufheulen, um uns zur Eile anzutreiben. Wir lassen uns gerne verwöhnen, genießen die wohlige Wärme, werden aber doch stutzig, als wir die zerknirschten Gesichter der Militärposten sehen. Als sie unseren Bus anhalten und nach nur flüchtiger Kontrolle passieren lassen, meint Lena, meine Freundin: „Leute, das ist doch nicht normal, was ist bloß mit den Wachhunden los? Irre ich mich, oder hatten ein paar von denen wirklich ganz komische rote Augen – als ob sie geweint hätten?“

„Halt doch die Klappe!“, erwidert jemand barsch von den hinteren Reihen und fügt verärgert hinzu: „So ein Quatsch, die und weinen ...“

 

Es ist aber kein Quatsch: als wir in der Schule ankommen, haben wir nur noch schluchzende, jammernde und heulende Gestalten um uns herum – Schüler wie Lehrer weinen hemmungslos, und über allem schwebt leise Trauermusik. Jetzt begreife ich allmählich ...

Ich könnte mich ohrfeigen, denn ausgerechnet heute Morgen habe ich kein Radio gehört! Tagelang hatten wir zu Hause ununterbrochen den Lautsprecher an und lauschten gespannt auf die Stimme aus dem fernen Moskau, die den Bericht über den Krankheitsverlauf des Genossen Josef Wissarionowitsch Stalin verlas! Tagelang hofften und bangten wir, hofften sehnlichst, nein, nicht auf seine Genesung, auf seinen Tod warteten wir, wie auf eine Erlösung. Sogar meine so gläubige Mutter wünschte dieses Ende herbei und bezichtigte sich in ihren Gebeten dieser Sünde.

 

Und nun stehe ich völlig unvorbereitet unter all den Trauernden und kann meine freudige Bestürzung kaum verbergen.

„Das kann gefährlich werden“, sagt mir meine innere Stimme. „Jetzt heißt es: durchhalten, durchhalten um jeden Preis!“

In der Tat würde hier keiner, außer vielleicht meiner Klassenkameradin Lena, deren Vater ehemaliger politischer Häftling ist, mich und meine Gefühle verstehen. Doch, wie gesagt, vielleicht, ganz sicher kann man da nie sein.

Und keiner weiß eigentlich, wie es weitergehen soll, womöglich wird unsere Lage, trotz aller Hoffnungen, noch schlimmer, wer weiß? Obschon sie, wie Eddie meint, schlimmer nicht werden könne, auch mit einer erneuten Verbannung werde es wohl Schwierigkeiten geben: Wir lebten ja jetzt schon am Ende der Welt, zumindest der sowjetischen.

 

Der Unterricht beginnt, man schleppt sich eher schlecht als recht durch die Stunden. Ich kann es nicht mehr aushalten, gebe vor, zur Toilette zu müssen.

Draußen hole ich erstmals tief Luft und schaue mich vorsichtig im langen Korridor um: niemand da, der mein unterdrücktes glückliches Lachen hören, mein strahlendes Gesicht sehen könnte!

Plötzlich drehe ich ausgelassen eine Pirouette, dann noch eine, setze zu einem Freudensprung an ...und bleibe abrupt stehen: Beinahe hätte ich den Deutschlehrer gerammt, der aus einem der Klassenräume gekommen ist.

 

Er ist unser Abgott, der beliebteste Lehrer in der ganzen Schule, der Schwarm aller Mädchen und – der beste Freund meines Bruders.

Der hochgewachsene, gutaussehende Vitalij Andrejewitsch unterrichtete bei uns Deutsch, ein Fach, das in russischen Schulen in der Regel wenig respektiert wird, eher belächelt oder gar gehasst.

Doch in unserer Schule wird dieses Fach, dank Vitalij Andrejewitsch, stark aufgewertet und steht in der Rangordnung, gleich nach Mathe und Russisch, an dritter Stelle. Denn unser Lehrer kann sehr gut Deutsch und ist so verliebt in sein Fach, dass es ihm ein Leichtes ist, auch seine Schüler dafür zu begeistern.

 

Er war kein Deutscher, unser Vitalij Andrejewitsch. Er hatte sich seine Sprachkenntnisse in deutscher Gefangenschaft angeeignet, wo er sich in das Land und seine Menschen verliebt hatte – und in ihre wunderschöne Sprache, in ihren Klang, ihren reichen Wortschatz, ihre Vielfalt.

Nach dem Krieg wurde er zu 10 Jahren Lager verurteilt, weil er sich „freiwillig dem Feind ergeben und nicht den heldenhaften Freitod gewählt habe“. Auch sein Hobby, die Vorliebe für die Sprache des Feindes, wurde ihm zur Last gelegt.

Vorzeitig aus dem Lager entlassen, durfte er aber nicht mehr in die „normale“ Welt zurück, denn wen die Kolyma einmal in ihre Fänge bekam, den ließ sie nicht so leicht wieder los ... Es grenzte an ein Wunder, dass er, ein ehemaliger politischer Häftling, als Lehrer eingestellt worden war. Der akute Lehrermangel und unsere Direktorin hatten die Behörden gezwungen, in diesem Fall eine Ausnahme zu machen.

Vitalij Andrejewitsch schwor seiner großen Liebe nie ab, blieb ihr sein Leben lang treu. Als freier Mensch ging er einige Jahre nach Stalins Tod an eine Universität in Perm, machte dort seinen Doktor und unterrichtete bis zu seinem Lebensende die geliebte Germanistik.

Diese Liebe seines Lebens versuchte er auch uns anzuerziehen, doch nur wenige Schüler waren bereit, ihrem Idol bedingungslos auf diesem Wege zu folgen. Auch ich mochte mich nicht der Sprache der Dichter und Denker verschreiben, obschon meine Motive ganz anderer Natur waren.

 

„Emmi, was – um Gottes Willen, was – was machst du hier? Und wie siehst du aus!?“, späht Vitalij Andrejewitsch nach allen Seiten, gerät ganz offensichtlich in Panik. „Wo ist dein Mantel?“, packt er mich an den Schultern und sieht sich unschlüssig um: „Hier sind meine Wohnungsschlüssel, du gehst in meine Wohnung, wäscht dir zuallererst dein dämliches Grinsen aus dem Gesicht und bringst mir dann – na, sagen wir, mein Wörterbuch, ich habe es auf dem Schreibtisch liegen lassen. Ich sage eurer Klassenleiterin Bescheid.“

Wenn ich erwachsen wäre, würde ich ihm sagen, dass sein Gesichtsausdruck nicht weniger „dämlich“-freudig ist, aber der Respekt vor dem Lehrer verbietet es mir. So verkneife ich mir das hämische Grinsen, während Vitalij Andrejewitsch mich unsanft zum Ausgang schiebt und laut sagt, damit es die vorbeigehende Lehrerin auch hört: „Und vergiss nicht, das Buch liegt auf dem Tisch.“

Er sieht mir eindringlich in die Augen. Ich verstehe. Ich habe gelernt, solcherart Blicke zu verstehen, bin darin geübt. Wir brauchen keine Worte.

 

Das Land war untröstlich, wand sich im Schmerz, fühlte sich verwaist, im Stich gelassen. Jahrzehnte lang dachte, handelte, sorgte ER für alle, beschützte sie, ließ väterliche Strenge walten, bestrafte sie notfalls, doch nur zu ihrem Besten, denn sie brauchten, wie Kinder, eine strenge, aber gerechte Hand.

Millionen von Menschen im riesigen Sowjetland versammelten sich in Betrieben, Universitäten und Schulen, auf Plätzen in Städten und Dörfern, vor Lautsprechern, aus denen unterbrochen von getragener klassischer Musik immer wieder die Schreckensbotschaft verkündet wurde.

Lauthals schluchzend fragte man sich, wie es weitergehen solle, jetzt, wo „der allmächtige Herrscher, der Gebieter, der Herr über Leben und Tod, aber auch der fürsorgliche Landesvater, der Weise, der Unfehlbare, der Gütige von uns gegangen ist“.

In dieses Tränenmeer der trauernden Sowjetbürger – linientreuen wie ahnungslosen – mündete ein Strom von Freuden- und Schmerzenstränen von Millionen Opfern des blutrünstigen Schreckensherrschers, die ihren Gefühlen über das lang ersehnte Ende des „Bärtigen“ freien Lauf ließen, aber auch ihr vertanes Leben, ihre zu Tode gequälten Väter, Söhne, Mütter und Töchter, Freunde und Kameraden beweinten.

Hin- und hergerissen zwischen Hoffnung und Unsicherheit darüber, was der nächste Tag bringe, wollte man das Schicksal nicht herausfordern, gab sich äußerlich gelassen und verbarg seine wahren Gefühle. Denn trotz der hoffnungsvollen Zeichen, die da anbrachen, war es immer noch gefährlich, seine Freude über das Verenden des „unumschränkten Herrschers“ des Landes offen zu bekunden. So wurden im Sommer 1953 in das berüchtigte Lager Kingir einige Hundert politische Häftlinge eingeliefert, die sich an Stalins Todstag vor lauter Freude betrunken hatten und dafür zu je 25 Jahren Lagerhaft verurteilt worden waren.

 

Langsam und unmerklich schlichen sich doch einige Veränderungen in das Leben der Kolymabewohner, obschon diese nicht grundlegender Natur waren. Denn noch immer warteten abertausende „Politische“ in den Lagern und in der Verbannung auf ihre Befreiung, auf die Wiedererlangung ihrer bürgerlichen Rechte. Man hielt die Lautsprecher Tag und Nacht eingeschaltet, lauschte auf jedes Wort aus dem zehntausend Kilometer entfernten Moskau und hoffte, hoffte, hoffte …

Nach langer, fast eine Ewigkeit scheinender Zeit fiel dann das Wort „Amnestie“, und die gequälten Menschen atmeten auf. Es hörte sich wie ein Stöhnen an – und war es auch; denn es wurden nur Häftlinge mit einer Haftfrist bis zu fünf Jahren entlassen, und das waren ausnahmslos Kriminelle. Kein politischer Häftling bekam je so eine milde Haftstrafe.

Da die Entlassenen nicht sofort abtransportiert werden konnten, begannen sie ihr Unwesen in den Siedlungen zu treiben, und auf der „Strasse des Lebens“, der einzigen und überaus wichtigen ausgebauten Strecke, die Magadan mit den Bergbausiedlungen der Region verband.

Die ehemaligen Sträflinge konnten sehr gefährlich werden. Da sie nichts zu verlieren hatten, gingen sie aufs Ganze, und das verhieß nichts Gutes für ihre Opfer. Sie raubten aus, töteten für ein paar Rubel, vergewaltigten Frauen. Der Vergleich „wie ein wildes Tier” hinkte in jeder Hinsicht, denn er war oft unfair, was die Tiere betraf. Diese Spezies war schlimmer als jedes wilde Tier, und so sagte man hier: „Vor Tieren sollte man keine Angst haben, aber vor dem Menschen; der ist das schlimmste und gefährlichste Tier.“

In den Lagern selbst brodelte es. Die Insassen sahen sich in ihren großen Hoffnungen getäuscht: Die Zeit verging, doch außer einigen Lockerungen im Lagerregime trat keines der erhofften Ereignisse ein, weder die Amnestie, noch die Befreiung aus den Lagern, noch die Rehabilitation derer, die nach der Entlassung hier in der Verbannung weiter leben mussten: nichts von alledem.

Kein Wunder, dass man in dieser Atmosphäre die Nerven verlor und nicht selten zu Verzweiflungstaten schritt.

 

Auch in unserer Siedlung machten sich die Veränderungen der neuen Zeit bemerkbar. Immer mehr Häftlinge durften sich außerhalb des Lagers aufhalten, man konnte sie an den Nummern auf ihren Joppen erkennen. Viele von Eddies Freunden, die er in der Grube kennen gelernt hatte, durften ihn nun besuchen, und so verging kaum ein Abend, an dem in unserer Stube kein hitziges Gespräch über die Zukunft geführt wurde. Ich verstand nicht viel von dem, was besprochen wurde, zu kompliziert war die Materie, und zu meiner Enttäuschung sprachen die Männer auch noch stets deutsch!

Doch selbst ich verstand so viel: Es geht um unser Dasein, um unsere Zukunft.

Von unseren Stammgästen mochte ich besonders den Erwin, den „Deutschländer“ Horst und den Letten Valdis.

 

Erwin war einer von uns, ein Russlanddeutscher, der als junger Bursche nach der deutschen Besetzung der Ukraine in die Wehrmacht eingezogen und nach dem Krieg von den Amerikanern an die Sowjets ausgeliefert worden war. Diese verurteilten ihn „wegen Verrats an der sozialistischen Heimat“, und so landete er auf der Kolyma. Nun schöpfte Erwin nach Stalins Tod genau wie Eddie Hoffnung auf Befreiung von der Verbannung. Leider sollte es sich schon bald zeigen, dass die beiden ihre Rechnung ohne den Wirt gemacht hatten; unsere Befreiung lag in weiter und ungewisser Zukunft.

 

Der Lette war auch so ein „Verräter“. Er hatte den Mut gehabt, sein kleines Land gegen die Besatzer, die Sowjets, zu verteidigen, wurde gefangen genommen und abgeurteilt. Der athletisch gebaute Hüne musste sich stets bücken, wenn er unsere Behausung betrat und sich den Weg zu „seinem Hocker“ in der hintersten Ecke der Stube bahnte. Man bekam es jedes Mal mit der Angst zu tun, unser Kartenhäuschen könne bei Valdis kleinster unvorsichtigen Bewegung auseinander fallen. Doch gerade dieser Körperbau wurde ihm, wie vielen seiner Landsleute aus dem Baltikum, zum Verhängnis – sie gingen als Erste unter den Folgen des Nahrungsmangels zugrunde. Unser Valdis verfehlte nur knapp seine Entlassung, er starb 10 Tage bevor seine Begnadigung aus Moskau eintraf.

 

Am besten war Horst, der „Deutschländer“, dran. Seine ausländische Staatsangehörigkeit war offensichtlich, und als Kriegsgefangener war seine Lage ohnehin immer etwas besser.

Auch jetzt hatte er als Einziger klare Chancen, von den Neuerungen zu profitieren.

Die Zeit bleibt stehen

 

Unsere Welt geriet immer mehr aus den Fugen. Nichts war wie früher. Es war ein Leben, das wenig mit der Realität zu tun zu haben schien. Man arbeitete, fuhr zur Schule, schlief, aß, ging also seinen alltäglichen Verpflichtungen nach, erledigte routinemäßig und lustlos das Notwendigste und stellte sich auf das Warten ein. Es war, als hätten sich alle Gedanken, Wünsche und Emotionen selbstständig gemacht und lebten nun ihr eigenes Leben, das von uns nicht mehr beeinflusst werden konnte. Uns blieb nur das Warten. Warten – worauf? Auf die Freiheit? Auf ein menschenwürdiges Leben? Darauf, dass eine neue Ära anbrechen sollte? Und wann würde es ein Ende nehmen, dieses drückende, kräfteraubende, bleierne Warten? Keiner wusste eine Antwort, aber es fehlte den Menschen die Luft zum Atmen, den Bewachern und den Bewachten gleichermaßen, wenn auch aus unterschiedlichen Gründen.

 

„So, Madam, herein mit dir“, schubst ein junger Milizmann mich zu einem der Schreibtische, erstattet Meldung: „Leutnant Serdjuk meldet sich zur Stelle!“, und erhält die Erlaubnis, sich zu rühren.

„Herr Kapitän“, beginnt er, „ich habe hier eine deutsche ‚Kontra’!“(Kürzel von „Konterrevolutionär“, schlicht - Feind). Seine Augen sprühen Freude und Zufriedenheit, das sommersprossige Milchbubigesicht glänzt vor Enthusiasmus. „Dieses Miststück –“, setzt er an, doch der Kapitän unterbricht ihn, fragt mich freundlich: „Na, was hat dich denn zu uns geführt, mein Fräulein?“

Der Leutnant bleibt mit offenem Mund stehen, während ich dem Mann hinter dem Schreibtisch zu erklären versuche, dass ich einen Personalausweis brauche, weil meine Familie mich nach Magadan zum Studium aufs Bergbautechnikum schickt und ich ohne Pass und die Erlaubnis des Kommandanten den Verbannungsort nicht verlassen darf.

Das raubt dem jungen Milizmann den letzten Nerv: „Dieses Ungeziefer“, zischt er, „jetzt kommen sie aus allen Ritzen gekrochen. Das wäre früher nie passiert, als unser großer Führer, Genosse Stalin, noch –“, wird er laut, schreit mich hasserfüllt an: „Ausgerechnet eine von der Verbrechernation, die wir wie eine giftige Schlange zertreten haben, kommt hier angetanzt und stellt Forderungen?! Ihr habt meinen Vater auf dem Gewissen, weißt du das, du faschistische Missgeburt?! Millionen sowjetischer Menschen habt ihr umgebracht, ihr Bestien! Bastarde seid ihr, Faschisten! Und ihr wollt auch zurück in unsere Gesellschaft, wie normale und verdiente Menschen? Mit Pass und womöglich auch noch allen Rechten?!?“

Das Gesicht rot angelaufen, die Hände zu Fäusten geballt, brüllt er hysterisch herum, und keiner im Raum scheint ihn zur Ordnung rufen zu wollen.

„…würdet ihr wohl gerne, was?“ Der Leutnant kommt immer mehr in Fahrt, „aber nein, nicht mit uns, nicht mit uns … bis hierher, ans andere Ende der Welt, haben wir euch gejagt, wie räudige Hunde, hier werdet ihr auch verrecken!“

Ein paar Mutterflüche folgen seinem Wutausbruch, ehe sein Vorgesetzter ihn stoppt, ziemlich sanft und nachsichtig. Dann wendet er sich mir zu und erklärt betont freundlich und ruhig, dass ich zwar das Recht habe, einen Personalausweis zu beantragen, aber immer noch den Regeln unterliege, die für die Deutschen in der Sowjetunion gelten: Verbannung auf ewige Zeiten und das Verbot, den Verbannungsort zu verlassen.

„Aber um in Magadan zu lernen, muss ich unsere Siedlung verlassen.“ Ich bin mir nicht ganz sicher, dass es klappt, aber er winkt ab: „Nun, das gilt nicht so ganz für unser Gebiet, denn die gesamte Region hier ist ja in Wahrheit ein einziger Verbannungsort!“

 

Nicht seine Worte klingen zynisch, sein Lächeln ist es, das mich tief verletzt, tiefer vielleicht als der gehässige Wutausbruch des jungen Leutnants.

 

Ich konnte damals nicht wissen, dass es einen berühmten sowjetischen Schriftsteller gab, der den Grundstein für den Hass gelegt hatte, auf den die beispiellose antideutsche Propaganda der sowjetischen Ideologen in der Nachkriegsära baute, den sozialistischen Humanisten Ilja Ehrenburg nämlich, der in seinem berühmt-berüchtigten Flugblatt „Töte den Deutschen!“ behauptete, ein Deutscher sei kein Mensch, er müsse getötet werden, denn es gäbe nichts Lustigeres als deutsche Leichen.

Das von den Deutschen im Krieg zerstörte Land war ein außergewöhnlich fruchtbarer Nährboden für derartige Aufrufe, die in Film, Literatur, bildender Kunst und sogar Musik üppige Früchte trugen – auch Jahrzehnte nach Kriegsende,

 

Der geschürte Hass war allgegenwärtig, aber wo waren denn diese Deutschen? Die Nazis, die das Land überfallen hatten, waren außer Reichweite und konnten nur rein propagandistisch zur Rechenschaft gezogen werden. Die Sowjets aber hielten nie etwas von imaginären Feinden, und wenn es sie nicht gab, schuf man sich nach Belieben welche, und schon kam die Maschinerie in Gang.

So geschehen mit den wohlhabenden Bauern, den so genannten „Kulaken“, nach der Revolution von 1917, so geschehen im Fall der Millionen von „Konterrevolutionären“, „Saboteuren“, „Verrätern der Heimat“ in der Stalinära, so geschehen auch mit den „eigenen Deutschen“.

Denn auch in unserem Fall wusste man sich zu helfen, indem man das Zweimillionenvolk für Jahrzehnte pauschal zum Staatsfeind erklärte und es jeglicher Rechte beraubte.

 

… Jemand anders als ich, scheint mit Verwunderung festgestellt zu haben, dass ich die Hasstiraden des jungen Milizmannes eigentlich relativ unbeschadet überstanden. Vielleicht kommt es daher, das ich in den letzten drei Jahren keine Ausfälle dieser Art gegen die Deutschen erlebt habe? Oder bin ich abgehärtet und erwachsener geworden?

 

„So, dann wollen wir mal“, bringt der Kapitän mich in einen Raum und überlässt mich mit den Worten „Photos und Fingerabdrücke“ seinen Gehilfen. Ich will gerade sagen, dass ich Passbilder dabei habe, als mir klar wird, dass man von mir ganz andere Bilder braucht: von vorne, von der einen Seite, dann von der anderen, Photos, wie sie von Kriminellen gemacht werden.

Danach werden mir die Fingerabdrücke abgenommen.

„Wie in Filmen, in denen man Verbrecher jagt“, schießt es mir durch den Kopf.

Wortlos lasse ich die Prozedur über mich ergehen, mir ist elend zumute, und ich reibe mir verbissen die pechschwarze Farbe von den Händen, kann nicht aufhören damit, als könnte ich das Schandmal, das auf mir lastet, auf diese Weise loswerden …

Als wären es der Kainsmale nicht genug, haucht der Milizmann bedächtig einen großen, viereckigen Stempel an, drückt ihn sodann fest auf eine der Seiten in dem schmalen Büchlein, auf dem in großen Lettern „Bürger der Union der Sowjetischen Sozialistischen Republiken“ prangt, murmelt noch schnell eine Gratulation und überreicht mir den ersten Personalausweis in meinem Leben.

 

Auf der Bushaltestelle sehe ich mir den Personalausweis genauer an, suche die Seite mit dem Stempel. Sie ist nicht zu übersehen: der große, viereckige Stempel mit fetter schwarzer Schrift, der fast die Hälfte der Seite einnimmt, wirkt bedrohlich. Dieses Gefühl wird verstärkt, als ich den Eintrag lese, der besagt, dass die Inhaberin dieses Passes, Emma Wagner, für ewige Zeiten in das Magadaner verbannt ist ohne das Recht, den Verbannungsort ohne Genehmigung zu verlassen.

Die großen Tränen, die unaufhörlich über mein Gesicht kullern und nicht versiegen wollen, wundern kaum einen der wartenden Passagiere; die Menschen, die auf dieser mit Tränen und Blut durchtränkten Erde leben, sind Elend und Schmerz gewohnt.

 

Ach ja, das mit dem Technikum in Magadan hatte damals doch nicht geklappt – bis alle Formalitäten mit dem Pass und der Kommandantur, die ja auch ihren Segen geben musste, erledigt waren, hatten die Aufnahmeprüfungen längst begonnen, und so hatte ich da keinerlei Chancen mehr.

Gott sei dafür Dank, würde ich heute sagen.

Der Neue

 

„Mensch, Emmi, du hast vielleicht Nerven!“ Lena ist wütend und macht mir wieder mal Vorwürfe, weil ich heute, wie so oft, zu spät zum Bus komme und alle auf mich warten müssen.

„Tut mir leid, ich kann nichts dafür“, versuche ich mich zu rechtfertigen, doch die anderen im Bus lassen diese Argumente nicht gelten und fallen über mich her: „Prinzessin, Schlafmütze, Egoistin, eingebildete Kuh!“

Ich kann den Unmut meiner Schulkameraden verstehen; wer wartet schon gerne eine Viertelstunde im kalten Bus, und das in aller Früh, nur weil jemand länger schlafen möchte! Doch ich hatte nicht verschlafen, und die „eingebildete Kuh“ möchte ich auch nicht auf mir sitzen lassen. So bekommt Deniska für die „Kuh“ einen Klaps, keinen richtigen, nur so, der Ordnung halber, die anderen werden einfach ignoriert.

Um keinen Preis würde ich ihnen den wahren Grund erklären, den nämlich, dass Mama genau diese zehn Minuten braucht, um mir mein „Frühstück“ zu bringen, ein Brötchen und eine Tasse Milch oder Kaffee.

 

Sie geht neuerdings doch arbeiten. Im Krankenhaus ist die Stelle einer Krankenpflegerin frei geworden, und da hat Mama die Nachtschichten übernommen, damit sie tagsüber Eddies Kinder beaufsichtigen kann.

Eines Tages meinte der Chefarzt ganz beiläufig: „Frau Wagner, sie sind doch nie zu Hause, wenn Ihre Tochter morgens zur Schule fährt. Wer macht denn ihrem Mädchen das Frühstück?“

„Sie – sie ist groß genug, um für sich selber sorgen zu können“, kam stockend und etwas spät Mamas Antwort, um nicht den Argwohn des Arztes zu erwecken.

„So, so, groß genug“, echote er und sah sie aufmerksam von der Seite an. Er hatte verstanden. Ohne Erklärungen. Ohne viele Worte.

„Ab jetzt, Frau Wagner, holen Sie sich jeden Morgen zwei Brötchen aus der Küche und Milch oder Kaffee und bringen das alles Ihrer Tochter. Glauben Sie mir, erst dann wird sie selber für sich sorgen können.“

Als Mama etwas sagen wollte, hob er abwehrend die Hände: „Keine Widerrede, bitte, keine Widerrede, wir wollen doch nicht, dass das Kind hungrig zur Schule fährt, nicht wahr?“

Für mich war dies eine fabelhafte Regelung, nur hatte die Sache einen Haken: Die Brötchen wurden meistens Punkt sechs geliefert, also genau in dem Moment, wenn der Schulbus startbereit war. Na ja, und ein bisschen Zeit, um diese göttliche Gabe zu verschlingen und zum Bus zu rennen, brauchte ich ja auch noch.

Aber nicht einmal Lena würde ich dieses Geheimnis anvertrauen, lieber nahm ich die gelegentlichen Wutausbrüche meiner Schulbusgefährten in Kauf, denn die Wogen glätteten sich meistens schnell.

 

Auch heute scheint es der Fall zu sein, doch dann höre ich in der plötzlichen Stille: „Schöne Mädchen brauchen eben ein bisschen mehr Zeit, als die anderen!“

Ich schicke einen verärgerten „Blödmann“ in die hinterste Reihe und lass’ mich auf den Platz neben Lena fallen. Erst dann wird mir bewusst, dass die Stimme von vorhin irgendwie fremd klang. Ich versuche im Dämmerlicht, die vermummten Gestalten zu identifizieren, muss aufgeben und frage Lena: „Habe ich mich getäuscht, oder …“

„Du, wir haben einen Neuen in der Klasse!“, flüstert sie aufgeregt. „Aber was für einen! Er ist der Sohn der Safonows. Ich habe ihn gestern bei Bekannten kennen gelernt – ein Traumjunge!!!“, verdreht sie die Augen, und die Worte sprudeln nur so aus ihrem Mund.

Stimmt, es hieß schon lange, dass der Sohn der Safonows zu den Eltern kommen darf, nachdem sie nach zehn Jahren Haft aus dem Lager entlassen worden waren und sich in unserer Siedlung niedergelassen hatten, hatten niederlassen müssen, denn, wie gesagt, die Kolyma gab ihre Opfer nicht so schnell frei.

 

Margarita Iwanowna Safonowa war eine bekannte Operettensängerin, in die wir alle vernarrt waren, besonders die Mädchen: sie verkörperte für uns Backfische die große, heile Welt, die uns in den Filmen, besonders in den deutschen so genannten „Beutefilmen“ („Die Frau meiner Träume“, „Das Kind der Donau“, „Die kleine Mama“, „Peter“ usw.) vorgeführt wurde.

Wir waren jung, auch eitel, wir wollten schön sein, schön, wie die Diva auf der Leinwand, wollten Autos fahren, schöne Kleider und Hüte tragen und mussten stattdessen unseren Körper bis an die Nasespitze vermummen, dickwattierte Hosen und Mäntel tragen, die uns verunstalteten.

Wir wollten der Tristesse entrinnen, die uns umgab, träumten von einer Welt, in der scheinbar nichts unmöglich war, und die zierliche Frau Safonowa mit ihrem silbergrauen, kunstvoll frisierten Haar, dem stets gepflegten Äußeren, ihrer vornehmen Art und ihrer ganzen Erscheinung brachte sie uns näher. Wir tauchten in diese Welt ein, wenn sie in Abendkleid und Glamour auf der Bühne erschien, eine ihrer Lieblingsarien anstimmte und uns in ihre wunderbare Welt entführte. Der schäbige Raum des kleinen Klubs verwandelte sich dann für kurze Zeit in ein Märchenland, in dem sie, die gute Fee, und die Musik herrschten.

Kein Wunder, dass es der Traum eines jeden Einwohners unserer Siedlung war – egal, ob klein, jung oder alt –, in dem Laienkunsttheater, das Frau Safonowa gegründet hatte, mitmachen zu dürfen.

Lena und ich gehörten zu den Glücklichen, und Frau Safonowa erzählte uns oft von ihrem Sohn, der sieben Jahre alt gewesen sei, als sie ihn zuletzt gesehen habe und der bei seiner Großmutter in Irkutsk wohne.

Aber in der letzten Zeit hatten wir Frau Safonowa selten zu Gesicht bekommen, denn infolge Stalins Tod wurden alle Veranstaltungen unterhaltsamer Art verboten. Da dadurch zwangsläufig auch die Proben im Laienkunsttheater ausfielen, konnten wir nicht auf dem Laufenden sein und wussten nichts von der Ankunft ihres Sohnes.

 

Er sieht schon irgendwie verwegen aus, wie er da in der Eingangshalle am Pfosten lehnt, die Hände in den Hosentaschen vergraben, den Kopf zur Seite geneigt, die stahlgrauen Augen spöttisch zusammengekniffen. Abwartend, neugierig, kein bisschen verlegen, eher überheblich betrachtet er das hereinströmende laute Schülervolk und lächelt nachsichtig.

„Das wird ja lustig werden!“ Lena schaut mich verdutzt an, während ich versuche, mich unbemerkt an dem Neuen vorbei zu schleichen. Doch er steuert geradewegs auf mich zu: „Du bist doch die ‚Schlafmütze’ von vorhin, ne?“

„Und du der neue Idiot, ne?“ Am liebsten würde ich ihm eine in seine selbstgefällige Visage knallen, aber ich denke an Frau Safonowa, an die Direktorin, an die möglichen Folgen und halte mich zurück. Als ich weitergehen will, versperrt er mir den Weg: „Tut mir leid, sollte ein Witz sein …“

„Nein, wie geistreich!“, zische ich. Lena muss lachen, mir aber ist ganz und gar nicht danach.

„Hör mal, Emmi …“, sieh einer an, der Typ kennt auch schon meinen Namen! „Ich weiß, du gehst in die Neun, da muss ich auch hin, könntest mich ja mit in die Klasse nehmen. Ich heiße übrigens Sascha.“

Ich übersehe die ausgestreckte Hand, mache auf der Stelle kehrt, höre noch wie Lena ihm seine Hilfe anbietet und eile davon.

 

Für mich ist der Tag gelaufen. Ich bin verärgert, kann mich im Unterricht nicht konzentrieren. Ich bin nicht bei der Sache, meine Gedanken drehen sich um den Neuen, und weil ich nichts dagegen tun kann und mich selber nicht verstehe, ärgere ich mich noch mehr.

In den nächsten Tagen wird alles noch schlimmer. Sascha lässt mich nicht aus den Augen. Im Unterricht, in den Pausen, im Bus und auf dem Heimweg: überall fühle seinen Blick auf mir ruhen, einen forschenden, unruhigen, fragenden.

Ich bin total verunsichert, versuche ihm auszuweichen, wo es nur geht. Im Unterricht, wo es kein Entrinnen gibt, sitze ich wie auf Nadeln, zupfe nervös an den viel zu kurzen Ärmeln meines Kleides, ordne immer wieder das Haar, ziehe die viel zu langen Beine weit unter die Schulbank, krümme den Oberkörper, um ein bisschen kleiner zu erscheinen und fühle mich so ungelenk und hässlich, wie lange nicht mehr.

Schließlich gehe ich in der Pause schnurstracks auf ihn zu: „Hör’ auf, mich anzuglotzen“, bitte ich ihn ruhig, aber bestimmt, „ich hasse das!“

Seine Reaktion ist ganz anders, als ich erwartet habe, und ich bin zugegeben sogar etwas enttäuscht, als er gelassen erwidert: „Wie Sie meinen, Prinzessin“, und mich einfach mitten im Gang stehen lässt.

Sascha hält Wort. Ab nun bin ich Luft für ihn, und darüber bin gar nicht so glücklich, wie ich gehofft habe.

 

In unserer Klasse sind alle von Sascha begeistert und können nicht verstehen, was ich gegen ihn habe. Als ob ich das selber wüsste!

Im Gegenteil, insgeheim muss ich zugeben, dass an Sascha eigentlich nichts auszusetzen ist, dass auch mir, wie allen anderen, sehr vieles an ihm gefällt – sein Auftreten, seine ganze Art, die Leichtigkeit, mit der er an alles herangeht, auch wie er aussieht: sportlich und schlank, überragt er um Kopfesgröße alle unsere Jungs, seine schwarze Lockenmähne betont die ebenmäßigen Gesichtszüge, insbesondere die großen, grauen Augen, in denen immer kleine Lachteufelchen zu hüpfen scheinen, die aber auch ernsthaft sein und tief in einen hineinschauen können. Aber gerade diesen Blick fürchte ich so sehr. Er weckt in mir Gefühle, die ich nicht definieren kann, eine Sehnsucht, die mir Angst macht.

 

Es dauert nicht lange, bis Sascha zum Mittelpunkt in unserer Klasse wird, zum Liebling aller Schüler und auch Lehrer, obschon seine Leistungen alles andere als berauschend sind und er auch sonst gerne mal den Clown in der Klasse spielt. Aber es ist eben ein intelligenter, lustiger, geistreicher Clown.

Wenn er mal fehlt, das ist Gott sei Dank selten der Fall, ist der Tag vertan; dieses Gefühl hat die gesamte Klasse. Umso schöner ist es, wenn er wieder erscheint und vor Witz und Heiterkeit nur so übersprudelt.

Die Schulfeste, die Theaterspiele oder Tanzaufführungen sind sowieso ohne ihn nicht mehr denkbar.

Lena ist über beide Ohren in Sascha verliebt, kennt kein anderes Gesprächsthema mehr und hat sich fest vorgenommen, unsere Feindschaft beizulegen. „Ihr müsst euch endlich aussprechen“, liegt sie mir ständig in den Ohren, „so kann es nicht weiter gehen!“

Ich sehe es auch ein, aber die Lage scheint so festgefahren zu sein, dass ich mir einen ganz normalen Umgangston mit Sascha gar nicht vorstellen kann.

Er offensichtlich auch nicht, denn seit dem denkwürdigen Tag, an dem ich ihn angeschnauzt habe, hat er keinen Versuch gemacht, sich mir zu nähern.

Das Leben befolgt seine eigenen Gesetze

 

„Ich geh’ aber nicht mehr zur Schule“, sage ich trotzig und weiche dem Blick meiner Mutter aus.

„Wie meinst du das?“ Mama ist entsetzt, will das Unfassbare einfach nicht glauben.

„Ich geh’ nicht mehr zur Schule“, wiederhole ich stur. „Verstehst du? Ich geh’ nicht mehr zur Schule!“, betone ich jedes Wort.

Mama will nicht verstehen, bohrt nach, fängt an zu weinen. Das ist immer so in letzter Zeit. Sie geht zwar arbeiten, ist aber immer noch nicht richtig zu Kräften gekommen. Doch sie will nicht zu Hause sitzen und Eddies Familie zur Last fallen. Ich bin noch schlimmer dran, denn Mama kann sich wenigstens nützlich machen, indem sie auf die Kinder aufpasst und den Haushalt führt. Ich aber fühle mich als Schmarotzerin, denn mit den gelegentlichen Hausarbeiten leiste ich einen zu geringen Beitrag zum Wohl unserer Gemeinschaft. Eddie fällt es nicht leicht, seine eigene Familie durchzubringen, und da sind noch wir beide, die versorgt werden müssen.

Da kann man doch nicht hingehen und einfach sagen: „Leute, so kann ich nicht mehr in die Schule gehen, ich brauch‘ ein neues Schulkleid, aus dem alten, das ich schon drei Jahre getragen habe, bin ich nämlich längst herausgewachsen. Mädchen in meinem Alter haben eben die Angewohnheit, zu wachsen – und übrigens auch Eitelkeiten zu entwickeln, aber das nur am Rande.“

 

Mama versucht, das Kleid zu retten, setzt Stoffstreifen in die zu kurzen Ärmel ein, dann aber kapituliert auch sie: am Rock und an der Brust ist der Stoff so fadenscheinig geworden, dass das Hemd durchschimmert. Mit einem tiefen Seufzer legt sie das Kleid beiseite und schaut mich ratlos an. Ich kann meinen Ärger nicht bändigen, werde ungerecht: „Setz’ doch paar Flicken drauf! Du sagst doch immer, ‚Armut ist kein Laster’. Aber wie steh’ ich in der Schule da? Meine Klassenkameraden haben sicher von dieser Weisheit gehört, aber erlebt?! Ich kann einfach nicht so in der Schule auftauchen, begreif‘ doch endlich.“

Mich packt das Grauen, wenn ich an Sascha denke.

Mama nickt unter Tränen, versucht es aber aufs Neue: „Du musst weiterlernen, ich habe Papa doch versprochen, dass ...“

Ich halte mir mit beiden Händen die Ohren zu. Jetzt kommt wieder die alte Leier mit dem Vermächtnis meines Vaters, der ihr bei seiner Verhaftung das Versprechen abnahm, die Kinder studieren zu lassen!

Ich kann nicht begreifen, warum Mama sich so eisern daran hält. Papa konnte doch 1937 nicht mal erahnen, welchen Weg durch die Hölle seine Familie knapp zehn Jahre später antreten werde. Ich bin sicher, er hätte ihr nie so etwas abverlangt, wenn er so war, der Lehrer Wagner, wie meine Mutter mich glauben machen will.

Am Ende muss ich doch zur Schule, mein Aufstand war sinnlos, denn Eddie unterstützt Mama voll und ganz. Nur kann mir keiner der beiden sagen, wie das Problem mit dem Kleid zu lösen ist.

Bis jetzt haben die Umstände mitgespielt. Es ist Frühlingsanfang, die Heizung in der Schule ist repariert worden, so dass es in den Klassenräumen noch recht kühl ist und wir unsere Mäntel anbehalten dürfen. Nun aber sind die Reparaturarbeiten erledigt und die Mäntel müssen in der Garderobe bleiben.

Mein Versuch, die Regeln zu umgehen, scheitert. Als ich mich weigere, den Mantel in die Garderobe zu bringen, setzt mich der Mathelehrer kurzerhand vor die Tür, mit der Empfehlung, die Angelegenheit mit der Schuldirektorin zu regeln. Doch genau das wollte ich um jeden Preis vermeiden, denn die Schuldirektorin, Lydia Iwanowna, unterrichtet bei uns Russisch und Literatur, meine Lieblingsfächer, und da ich darin sehr gut bin, hält sie immer große Stücke auf mich. Und nun muss ich mir vor ihr eine Blöße geben.

 

„Und darf man erfahren, warum du nicht ablegen willst?“ Lydia Iwanownas Stimme ist ruhig und wohlwollend wie immer. Da ich schweige, versucht sie es weiter: „Bist du krank?“ Schweigen. „Ist dir kalt?“ Schweigen. „Ist dir vielleicht ein Missgeschick passiert?“ Als sie dann weiter auf eine Antwort beharrt, breche ich in Tränen aus und knöpfe meinen Mantel auf. Lydia Iwanowna stutzt, ihr Gesicht bekommt für den Bruchteil einer Sekunde einen gequälten Ausdruck, doch sie gewinnt schnell ihre Fassung zurück und murmelt: „Hier, nimm das Stricktuch, es liegt sowieso hier nur nutzlos herum. Leg’ es dir um die Schultern, ich rede mit den Lehrern ...“, sie sieht meinen entsetzten Blick und wehrt ab, „nein, nein, ich erzähle nichts von ...“, sie wirft einen kurzen Blick auf mein Schulkleid, „also, keine Bange, ich lass’ mir schon was einfallen, damit du das Tuch ungestört tragen darfst ... Dann sehen wir weiter. Und nun komm“, legt Lydia Iwanowna ihren Arm um meine Schultern, und ich heule erneut los. Sie streicht mir übers Haar, versucht, mich zu beruhigen, murmelt: „Schon gut, schon gut, ist doch nichts passiert. Was hast du denn bloß?“

Dann setzt sie eine unbekümmerte Miene auf, lächelt und meint: „Na, hör’ mal, ich erkenne unsere forsche Emmi nicht mehr wieder!“

 

„Wiedererkennen kann man aber nur jemanden, den man kennt oder gekannt hat“, hätte ich gerne erwidert, „aber wer von euch, ob Schüler oder Lehrer, kennt mich denn wirklich? Wer von euch kennt meine Welt, die eine ganz andere ist, als euer heiles und wohlbehütetes Leben, in das ich jeden Tag eintauche und durchhalten muss, damit bloß keiner meine Andersartigkeit merkt!“

Und die meisten lassen sich auch täuschen.

Unser Mathe- und Physiklehrer, der nette und gutmütige Pjotr Olegowitsch, würde sich wundern, wenn man ihm sagte, dass es ungerecht war, mich des Klassenraums zu verweisen. Nicht einmal unter Todesstrafe hätte ich, damals ein 15-jähriger Teenager, den Mantel abgelegt und den elenden Zustand meines Kleides preisgegeben.

 

Einige Wochen später überreichte mir Lydia Iwanowna bei der üblichen vierteljährlichen Auszeichnung der Klassenbesten neben dem sonst üblichen Buch einen Stoffkupon für ein Schulkleid – „für ausgezeichnete Leistungen und beispielhaftes Benehmen“. Mir allein. Alle anderen bekamen die obligatorische Auszeichnung: ein Buch. Die „Operation Schulkleid“ wurde von Lydia Iwanowna glänzend vorbereitet und durchgeführt. Keiner hatte sich gewundert, geschweige denn Anstoß daran genommen. Dennoch war mir hundeelend. Es sah verdammt nach Almosen aus, aber andererseits war ich der Schuldirektorin von Herzen dankbar, denn wie sonst hätten wir mein Problem lösen können?

 

Die Frage nach der Herkunft dieser „Auszeichnung“ ließ mir keine Ruhe, aber erst Jahre später, als ich mich nicht mehr richtig bedanken konnte, erfuhr ich, dass der Stoff nicht aus der Schulkasse, sondern von der Direktorin privat bezahlt worden war.

Продолжение следует

 

 

 

 



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