Herbstblumen (31.01.2021)


 

Katharina Kucharenko

 

Der kleine Lastwagen holperte durch den nächtlichen Wald. Seine Scheinwerfer rissen dicke, rötliche Kiefernstämme am Rande des Weges aus der Dunkelheit, ließen sie seitlich vorbeieilen und gaben sie wieder der Finsternis anheim. Das Ehepaar befand sich nach einer Feier im Nachbardorf auf dem Heimweg.

Der Mann hatte viel zu viel getrunken und überschüttete seine Frau mit den übelsten Beschimpfungen. In ihren Sitz gedrückt, saß sie da und schwieg. Sie kannte sein Fluchen nur zu gut, versuchte, es zu überhören.

Er war wütend, weil sie ihn zum Aufbruch gedrängt hatte, obwohl die Feier noch nicht beendet gewesen war. Sein Familienklan hatte wie üblich gefeiert, laut und ausgelassen: mit Liedern, Tanzen, Essen und reichlich Wodka. Er war gerade in seinem Element – trank, spielte Ziehharmonika, tollte beim Tanzen herum, machte seine junge Schwägerin an.

Es war schon spät gewesen und die meisten Gäste hatten sich bereits auf den Weg nach Hause gemacht. Aber er hatte noch nicht aufbrechen wollen. Er hatte noch nicht genug. Am liebsten wäre er über Nacht geblieben. Aber, nein – er sollte nach Hause fahren! Das machte ihn wütend. Diese "sowjetische Lehrerin"!

Sie reagierte nicht auf seine Anwürfe. Ihre Gedanken waren bei ihren Kindern, die den ganzen Nachmittag allein zu Hause geblieben waren. Hoffentlich ging es ihnen gut. Das Essen hatte sie vorgekocht. Das Wetter war angenehm warm, ein richtiger Altweibersommertag. Der Große hatte bestimmt die ganze Zeit mit einem interessanten Buch verbracht, der Kleine sicher draußen mit anderen Kindern gespielt. Außerdem hatte sie ihre Nachbarin gebeten, die zwei im Auge zu behalten, insbesondere den Kleinen. Und jetzt schliefen sie wahrscheinlich schon. Sie mussten morgen in die Schule gehen.

Der Weg, den sie nahmen, wurde nur selten benutzt, besonders nachts. Er führte zunächst durch einen Waldstreifen, dann etwa zehn Kilometer über eine Steppe und danach wieder durch den Wald. Ihr Haus stand am Rande des Dorfes, und die Gefahr, der Verkehrsmiliz zu begegnen, war sehr gering. Der Mann war ein erfahrener Fahrer, auch im beschwipsten Zustand.

Sie musste gut aufpassen - dicke Baumwurzeln und tiefe Schlaglöcher machten die Waldstraße zu einer echten Herausforderung. Der Wagen hopste und wurde hin und her gerissen. Sie musste sich am Türgriff festhalten, um nicht bis zum Dach hochgeschleudert zu werden.

Nach einiger Zeit wurde der Weg ebener, sie hatten das erste Waldstück passiert. Vor ihnen lag nun der Weg über die Salzsteppe, wie man sie hier nannte. Er war nur noch undeutlich zu erkennen: mehrere Abzweigungen führten in verschiedene Richtungen und nur ein Weg nach Hause.

Sie schaute in die dunkle Nacht, konnte aber nicht genau erkennen, ob ihr Mann den richtigen Weg eingeschlagen hatte. Da packte sie die Angst. Der Motor stotterte und ging plötzlich aus, das Auto rollte noch ein paar Meter und blieb dann abrupt stehen. Ob er mit Absicht den Laster zum Stehen gebracht hatte, um nun seine Wut an ihr auszulassen, ohne Zeugen? Oder lag es doch an der alten Schrottkarre?

Fluchend stieg er aus, ging um den Wagen herum und riss die Tür an ihrer Seite auf. "Raus mit dir, du verdammtes Miststück! Jetzt zeig ich dir, wer hier das Sagen hat!" Er zerrte sie aus dem Wagen, stolperte, verlor das Gleichgewicht und fiel zu Boden. Sie riss sich los und flüchtete.

Sie lief hinter den Wagen, hielt den Atem an… Das Herz pochte ihr bis zum Hals. Ihr war klar: Er meint es ernst. Sie kannte ihren Mann allzu gut. Wie oft war er betrunken mit blutig geschlagenen Faustknöcheln nach Hause gekommen! Dabei prahlte er, der Stärkste in der Gegend zu sein.

Es dauerte eine Weile, bis er wieder auf die Beine kam. Nun suchte er nach etwas in seinem Werkzeugkasten - wonach, erahnte sie am Klappern von Metallteilen.

Ein kalter Schauer lief ihr über den Rücken – er sucht nach dem schweren Schraubschlüssel! Wie gelähmt stand sie hinter dem Wagen, ehe ihr die einzig richtige Entscheidung in den Sinn kam – nichts, wie weg von hier, weg von diesem unter Alkoholeinfluss gewalttätigen Menschen.

Die Dunkelheit spielte mit. Auf Zehenspitzen schlich sie einige Schritte in die Nacht hinaus. ‚Nur nicht stolpern, nur keine Geräusche‘, schoss es ihr durch den Kopf. Sie lief, ohne auf den Weg zu achten, immer weiter…

Noch eine Zeitlang bekam sie mit, wie er herumtobte, weil seine Frau, die er in diesem Moment über alles hasste und die natürlich an allem schuld war, verschwunden war…

Sie hörte, wie er versuchte, den Wagen zu starten, der aber nicht anspringen wollte…

Zunächst rannte sie wie um ihr Leben, ging dann ruhiger einfach in die Richtung, in der sie ihr Dorf vermutete.

Als sie wieder klar denken konnte, wurde ihr bewusst, dass sie den falschen Weg genommen, ja, dass sie überhaupt keinen Weg mehr unter ihren Füßen hatte…

Es wurde kühler, die Dunkelheit nahm zu. Der Mond, das einzige Licht am Himmel, verschwand immer wieder hinter Wolken. Es fing zu regnen an; ihre warme Strickjacke hatte sie im Wagen gelassen. Nun verlor sie vollends die Orientierung.

Nur nicht den Mut verlieren, nur weitergehen!

Sie wusste, irgendwo in der Steppe befindet sich eine Farm der Kolchose. Während des Sommers weideten hier Rinder, und Frauen, Melkerinnen, wurden mit dem Auto oder dem Traktor hierher gebracht, um die Kühe zu melken. Die Farm war beleuchtet, also müsste sie doch von weitem zu sehen sein. Es gab eine Strom- und Telefonleitung dorthin, und die hohen Strommasten würden sie zur Farm leiten, doch - wo waren sie bloß?

Der Regen ließ nach, ab und zu blickte der Mond durch die Wolken. Diese kurzen Momente nutzte sie, schaute in alle Richtungen, hockte sich hin und versuchte, aus einem anderen Blickwinkel von unten nach oben zu schauen… Kein Weg, keine Masten… Nichts als unwegsames Gelände…

Ihre Schritte wurden langsamer und unsicherer. Wie lange irrte sie schon in der Dunkelheit umher? Auf ihrer kleinen Armbanduhr konnte sie die Zeit nicht ablesen. Würde sie den Weg finden? Lief sie im Kreis? Wäre es nicht vernünftiger, sich hinzuhocken und bis zum Morgen zu warten?

Das kam nicht in Frage, sie musste und sie würde noch heute Nacht zu Hause sein!

Sie stellte sich für einen Moment vor, was geschähe, wenn die Kinder am Morgen aufwachten und sie nicht da wäre…

Und da war noch etwas, etwas ganz Wichtiges, – sie durfte auf keinen Fall zu spät zur Arbeit kommen. Ihre lebhafte Klasse würde die ganze Schule auf den Kopf stellen!

Aber wie den Weg finden? Sie ging in die Knie, tastete um sich herum – nichts außer vertrocknetem Gras und Sand… Sie erhob sich und ging weiter, Schritt für Schritt.

Sie erinnerte sich an einen späten Abend, als sie mit ihren Jungen im Wald nach ihrem Kalb gesucht hatten… Wie sie es nach Hause getrieben hatten. Es war damals sehr schnell dunkel geworden. Damit die Kinder keine Angst bekämen, hatte sie mit ihnen ganz laut Marschlieder gesungen.

Sollte sie es vielleicht auch mit Singen versuchen? – Ihr war nicht nach Singen zumute.

Plötzlich spürte sie, dass sie keinen festen Boden mehr unter den Füßen hatte. Mit einem Fuß war sie gegen einen festen Erdhügel gestoßen, mit dem anderen versank sie im Salzboden, dem gefürchteten Solontschaki! Die Hirten machen um diese Stelle einen großen Bogen. Verlief sich hier ein Rind, so war es kaum noch zu retten.

Nur keine Panik – ganz vorsichtig, zuerst abtasten, mit Händen und Füßen, dann weiter einen Fuß vor den anderen setzen! Sie versuchte umzukehren, aber sie kam nicht mehr aus dieser Falle. Nun wusste sie nicht mehr, in welche Richtung sie sich bewegen sollte…

Ihre Sonntagsschuhe waren voller Salzmatsch, die wund gelaufenen Füße brannten. Tränen liefen ihr übers Gesicht, sie zitterte am ganzen Leibe: vor Kälte, Angst und Verzweiflung. Hier würde man sie nie finden, wenn ihr etwas zustieße.

Erschöpft ließ sie sich auf einen kleinen Hügel nieder, um zu verschnaufen.

Langsam wurde es heller. Sie blickte hoch zum Himmel, sah zwischen den Wolken einen Stern… und ein Gebet, das sie als Kind von ihrer Oma gelernt hatte, kam ihr in den Sinn: "Vater unser…" flüsterten ihre Lippen, zuerst leise, stotternd, dann lauter, bewusster: "Vater unser im Himmel, geheiligt werde Dein Name…" Sie konnte es nicht in Gänze auswendig und auch nicht fehlerfrei widergeben, aber sie wiederholte es immer wieder. Sie, eine sowjetische Lehrerin, die eine Atheistin sein sollte, bat Gott um Hilfe! Sie betete für sich, für ihre Kinder, die alleine zu Hause waren, für ihren Mann, der sein Leben im Alkohol versenkt hatte…

Betend machte sie sich auf den Weg, immer weiter, nicht wissend, wohin…

Auf einmal spürte sie harten Boden unter den Füßen, und bald bemerkte sie vor sich einen Strommast. Die Rettung! Jetzt muss sie nur noch den nächsten Mast finden und dann wieder den nächsten…

Sie erkundete den Boden. Ja, das war der Weg, der zur Farm führte.

Die aufgeriebenen Füße in den nassen Schuhen erschwerten das Vorankommen, sie wusste nicht mehr, wie lange sie schon unterwegs war; sie lief einfach weiter.

Mit dem Gebet kamen die Erinnerungen an ihre ferne Kindheit. Sie dachte an ihre Oma, an deren spannende Geschichten… An langen Winterabenden hatten sie oft vor dem Ofenfeuer gesessen, und die Oma erzählte von der Kriegszeit, erzählte, wie schwer es die Familie damals hatte, wie sie alle aus der warmen Ukraine ins eisige Sibirien umgesiedelt wurden…

Plötzlich schnürte ihr erneut Angst die Kehle zu. Ihr ging eine von Omas Geschichten durch den Kopf:

Im kalten Winter 1942 hatte die Oma mit ihrem jüngsten Sohn in die Nachbardörfer betteln gehen müssen, um die Familie vor dem Verhungern zu bewahren. Auf dem Waldweg sind die beiden mehrmals von Wölfen verfolgt worden.

Sie schaute sich ängstlich um. Die Sicht war so schlecht, dass sie kaum ihre Hand vor Augen sehen konnte… Sie atmete tief durch… ‚Mach dich nicht verrückt, es wird schon nichts passieren, du musst hier weg und du schaffst es. Ja, du schaffst es! Konzentrier dich auf den Weg! Da vorne muss der nächste Strommast sein!‘

Sie strengte all ihre Sinne an, um nicht von dem Weg abzukommen. Und tatsächlich erreichte sie bald den nächsten Strommast. So schleppte sie sich von Mast zu Mast, aber der Weg nahm kein Ende, die Masten schienen immer größeren Abstand von einander zu haben. Sie gönnte sich eine kurze Pause, lehnte an einem Mast, hörte das Summen der Leitung… Dann lief sie weiter.

Ein Licht in der Ferne! Anfangs traute sie ihren Augen nicht, aber nach einigen Metern wurde das Licht deutlicher. Ja! Dass muss die Farm sein! Sie wollte losrennen, stolperte aber… Die Schürfwunde am Knie blutete stark und es tat fürchterlich weh, aber der Wille, die Farm zu erreichen, überragte ihren Schmerz. Sie erhob sich und kam endlich in die Nähe der Farm.

Nun konnte sie deutlich eine Bude sehen. Über dem Eingang leuchtete eine Glühbirne. Im einzigen Fenster war Licht, es musste jemand darin sein! Ohne auf den Weg zu achten, eilte sie der Farm entgegen.

Plumps, rutschte sie in eine Grube. Mit beiden Beinen stakte sie bis über die Knie in einer stinkenden Masse - Mist. Sie sank tiefer und tiefer…

Sie schrie um Hilfe… Doch kein Mensch ließ sich blicken…Aber Hunde… Zwei, drei Schäferhunde sprangen zähnefletschend um die Grube …

Sie schrie und schrie um Hilfe. Panische Gedanken, einer grauenhafter als der andere, schossen ihr durch den Kopf: Was, wenn es hier keine Nachtwächter gab, wenn sie ins Dorf gefahren waren? Wenn sie sich betrunken hatten und jetzt ihren Rausch ausschliefen? Oder vielleicht das Radio in der Bude zu laut war, und die Männer überhaupt nicht hörten, was draußen vor sich ging?

Ihre Stimme wurde immer leiser, und es ließ sich nur noch ein heiseres Flehen vernehmen… Sie hatte aufgehört, nach Halt zu suchen. Ihr war bewusst, dass sie sich im Sumpf nur noch eine Zeitlang oben halten konnte, wenn sie ruhig blieb.

Sie versuchte auch nicht, an den Rand zu kommen, weil da die wild gewordenen Hunde herumsprangen. Sie bellten den Eindringling in einem fort an, ohne nachzulassen.

Nach einer Ewigkeit hörte sie endlich verschlafene Männerstimmen.

Sie holte Luft und schrie, schrie, so laut sie konnte…

Zwei aufgescheuchte Männer rannten mit Taschenlampen herbei. Sie war schon bis zu den Oberschenkeln in dem Mist eingesunken.

Die Nachtwächter wollten ihren Augen nicht trauen.

Sie pfiffen die Hunde zurück und holten eine Leiter, die sie in die Mistgrube herunterließen. Mit letzter Kraft konnte sie sich an ihr festklammern und sich mithilfe der Männer endlich mühselig aus der Mistgrube befreien.

Man bot ihr Wasser zum Waschen, eine Sporthose und ein Hemd an.

Da die Männer aus dem Heimatdorf ihres Mannes waren, brauchte sie ihnen nicht viel zu erzählen, nur, dass ihr Wagen gestreikt hatte, ihr betrunkener Mann im Auto schlief und sie selbst dringend nach Hause musste. Die Kinder waren alleine, sie selbst hatte um neun Uhr Schule und musste pünktlich dort sein.

Zunächst hatten die Männer keine Lust, sie ins Dorf zu bringen. Sie hatten zwar Pferd und Wagen, aber es wäre besser, bis zum Morgen zu warten, zumal es sowieso bald hell würde. Die Fahrt dauerte ungefähr zwei Stunden. Und müde seien sie obendrein.

Aber als sie ihnen für ihren Dienst sieben Rubel, zwei Flaschen Wodka, versprach, machten sich die Männer dann doch an die Arbeit.

Rasch wurde ein Pferd vor den Leiterwagen gespannt, eine alte Matratze auf den harten Wagen geworfen, eine mit Watte gefütterte Jacke geholt. Einige Minuten später trabte das Gespann durch die sich ihrem Ende zuneigenden Nacht der Morgendämmerung entgegen.

Der Kutscher summte etwas vor sich hin und ließ sie in Ruhe. Das war ihr recht. Sie war müde, genauer gesagt: erschöpft… Am liebsten würde sie diese Nacht sowie all das, was sie in den letzten sieben Stunden erleben musste, für immer vergessen, als ob es den ganzen Schrecken nie gegeben hätte.

Sie schämte sich für ihren Mann. Es wäre ihr mehr als peinlich, jemandem die ganze Wahrheit zu erzählen, schon gar nicht den Kindern. Sie sollten doch keine Angst vor dem eigenen Vater bekommen…

Sie mochte auch nicht daran denken, was mit ihrem Mann geschehen war… Er würde schon heil aus der Sache herauskommen… Sicher würde er heute noch auftauchen, sie um Verzeihung bitten und ihr versprechen, nie wieder soviel zu trinken. Und er würde ihr Blumen mitbringen…

Wie oft hatte sie ihn nach seinen Trinkgelagen gebeten, einen Entzug zu machen! Bevor etwas Schlimmes passieren würde! Aber nein, er hatte nie zugegeben, Alkoholiker zu sein… Bestimmt würde er auch jetzt wieder alles abstreiten und behaupten, er habe ihr nie etwas Böses antun wollen.

Als sie zu Hause ankam, war es schon kurz vor Sonnenaufgang.

Sie blieb eine Weile auf dem Hof stehen, wandte ihr erschöpftes Gesicht der Morgensonne zu, schloss für einen Moment die Augen und seufzte: "Endlich zu Hause…"

In der Banja, dem russischen Badehaus, schnell gewaschen und umgezogen, bückte sie sich über das Bett des Kleinen:

"Aufwachen, mein Sonnenschein!"

"Es ist Zeit, mein Großer!", weckte sie den anderen.

Wie jeden Morgen… Wie gewohnt stand das Frühstück auf dem Tisch.

Nichts an ihr verriet die fürchterlichen Erlebnisse der vergangenen Nacht.

Nur ihre im Mist steckengebliebenen Sonntagsschuhe und das verdreckte Festkleid, das sie in der Banja unter der Bank versteckt hatte, waren stumme Zeugen…

… Während der letzten Unterrichtsstunde klopfte es leise an der Klassentür. Sie wusste – da stand er – ihr Mann. Hinter seinem Rücken verbarg er ein paar Herbstblumen…

September 2009

 

Lippstadt

 

 

 

 



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