Stalins Tod (30.06.2020)


 

K. Kucharenko

 

1953. Über das Radio erreichte die Sowjetbürger die Nachricht vom Tod des Völkervaters. Ich besuchte damals schon die Schule. Im Unterricht kam die Schuldirektorin in unsere Klasse, forderte uns auf, ihr zu folgen. Ihre Stimme klang irgendwie anders, nicht so befehlend wie sonst. Die anderen Schulklassen standen samt Lehrern und Putzfrauen im langen Flur. Die Fahne der Pioniere wurde hereingetragen und nicht aufrecht gehalten, sondern gesenkt und eine schwarze Schleife daran gebunden. Wir, die Kleinsten, wussten nicht, was da geschah. Als Ruhe eingekehrt war, trat die Direktorin vor und sagte mit zitternden Stimme: "Liebe Kinder, wir haben eine sehr traurige Nachricht erhalten. Unser geliebter Iosif Wissarionowitsch Stalin ist gestorben."

Sie brach in Tränen aus, dann die restlichen Lehrer und schließlich die Kinder. Wie sollte man da nicht weinen, wenn die strengen Lehrer um uns herum ihren Tränen freien Lauf ließen. Dann hörten wir uns noch ein paar Reden und Beteuerungen an, der Sache Stalins treu zu bleiben. Unterricht gab es an jenem Tag keinen mehr, und die Kinder durften die traurige Nachricht nach Hause bringen. Die Schüler, die älter waren, freuten sich über den schul- und hausaufgabenfreien Rest des Tages.

Weinend lief ich nach Hause und sah schon von weitem meine Mutter. Zusammen mit anderen Frauen stand sie auf der Außentreppe unserer Baracke. Sie unterhielten sich lebhaft. Auf ihren Gesichtern war keine Spur von Tränen, Trauer oder Mitleid zu sehen. Als Mutter mich weinend ankommen sah, kam sie mir entgegen, nahm mich auf den Arm. "Stalin…", sagte ich schluchzend. "Ja, ich weiß. Heul doch nicht wegen eines fremden Manns! Vielleicht können wir nun bald nach Hause!", flüsterte sie mir zu. Ich hatte zwar nicht verstanden, was sie meinte, beruhigte mich aber sogleich.

 

 

 

 



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