40 Jahre Deutsches Schauspieltheater in Temirtau/Almaty (31.08.2020)


 

Rose Steinmark

 

40 Jahre Deutsches Schauspieltheater in Temirtau/Almaty

 

Das Theater als Grundlage für die Wiedergeburt des nationales Selbstbewusstseins und Kultur

 

(Zeitung „Rote Fahne“, 1. März 1989)

 

Bereits in der fünften Spielzeit gelang die Repertoirepolitik des Theaters unter heftige Kritik, weil bisher nur ein russlanddeutsches Stück das Theaterplakat geschmückt hatte, nämlich „Die Ersten“ von Alexander Reimgen. Er legte dem Theater als Erster sein Stück vor; eine weitere Zusammenarbeit mit dem Autor, der noch einige kleinere Stücke auf dem Lager hatte, verpasste das Theater leider. Auf dem Spielplan standen viele Werke berühmter Autoren, die dem Theater großen Erfolg brachten, die nationalen Dramatik aber wurde eine Zeitlang kaum beachtet.

Der künstlerische Beirat und die Theaterleitung machten sich große Sorgen, verhandelten mit den russlanddeutschen Autoren und suchten nach Möglichkeiten, diese Mängel schnellstens zu beheben. Um die Lücke zu füllen, inszenierte der damalige Chefregisseur Erich Schmidt die Erzählungen von Konstantin Ehrlich und Karl Schiffner, die die Schicksale unserer Väter und Mütter während des zweiten Weltkriegs behandelten, Bulat Atabajew stellte ein Konzertprogramm zusammen, in dem er dem Zuschauer einen Einblick in die russlanddeutsche Geschichte und Folklore gewährte.

Aber das war nur ein Tropfen auf den heißen Stein, denn die Lage war äußerst brenzlig. Die deutsche Sektion des Schriftstellerverbandes war mit unseren Problemen vertraut und versuchte mit allen Mitteln dem Theater zu helfen. 1984 trafen sich die russlanddeutschen Schriftsteller in Moskau, um in ernster Beratschlagung die Entwicklung russlanddeutscher Dramatik zu erörtern. Zu diesem Treffen war auch ich eingeladen und hatte die Gelegenheit, das am Theater entstandene Problem aus erster Hand zu schildern. Im Namen des Ensembles bat ich die Autoren, sich einem dramatischen Werk für das Theater zu widmen. Unter den Schriftstellern befanden sich damals die besten Kräfte der russlanddeutschen Literatur, Nora Pfeffer, Woldemar Spaar, Viktor Herdt, Ewald Katzenstein, Gerold Belger, Rudolf Jacguemien, Robert Weber, Viktor Heinz, Woldemar Eckert und viele andere.

Doch jedem von ihnen war auch bewusst, dass Dramatik ein ganz besonderes literarisches Gebiet ist. Dafür ist nicht nur schriftstellerisches Können nötig, sondern auch das Wissen um die Regeln des Genres, vor allem, wenn es um eine professionelle Bühne geht. Das Treffen trug leider keine Früchte; die Zeit verging, Stücke blieben aus, das Theater stand unter heftigen Kritik.

Im Oktober 1985 erschien in der „Freundschaft“ ein Beitrag des Altmeisters der russlanddeutschen Literatur Dominik Hollmann unter dem Titel „Was kommt auf den Theaterzettel?“ Er begann zwar mit den Worten „Das Deutsche Theater in Temirtau hat sich in kurzer Zeit einen Namen gemacht. Von überallher, wo es mit seinen Darbietungen auftritt, kommen lobende, ja begeisterte Gutachten“, beendet seinen Artikel aber mit einem Vorwurf, den man keinesfalls gleichgültig hinnehmen konnte: „…ein deutsches Theater ohne Werke sowjetdeutscher Autoren. Ist das nicht ein Paradoxon?“.

An dieser Stelle muss ich ehrlich zugeben, dass sich schon vorher einige Autoren an Theaterstücke heranwagten. Mit ihnen standen wir auch im regen Briefwechsel und hofften, gemeinsam etwas zustande bringen zu können. Friedrich Bolger, Peter Klassen, Alexej Debolski, Ewald Katzenstein sowie Alexander Reimgen hatten zu dieser Zeit einige ihrer dramatischen Werke in der periodischen Presse veröffentlicht, aber es waren entweder kleinformatige Versuche oder aber für die Dorfbühne geschriebene Einakter, die für ein Berufstheater nicht in Frage kamen.

Um aus dieser prekären Situation herauszukommen, wandte sich das Theater an die Vergangenheit und wählte das Stück „Der eigene Herd“ von Andreas Saks, dessen Werke schon in der Zwischenkriegszeit am Deutschen Staatstheater Engels großen Anklang beim Publikum gefunden hatten. Heute weiß man, dass dies eine großartige Entscheidung des Theaters war, die man als Wendezeit in seinem Schaffen bezeichnen kann. Diese Aufführung wurde mehrmals in verschiedenen Gegenden gespielt und gewann mehrere Preise bei Festivals der Theaterkunst.

Jedes Jahr fanden im Theater Seminare statt, zu denen potenzielle Autoren von Theaterstücken eingeladen wurden. Wir trafen uns mit Elsa Ulmer, Ewald Katzenstein, Alex Debolski, Johann Schellenberg, Andreas Kramer, Viktor Heinz und anderen Schriftstellern und diskutierten hoffnungsvoll das Problem fehlender Stücke russlanddeutscher Autoren, das wir schnellstens lösen wollten.

Nach einem dieser Treffen versuchten wir mit A. Debolski an seinem Roman „Die große Prüfung“ zu arbeiten. Wir wollten aus diesem Werk ein Stück schaffen und es inszenieren. Als dem Autor aber klar wurde, dass er seinen Roman für die Inszenierung völlig umschreiben müsste, lehnte er den Vorschlag ab.

Dasselbe passierte uns auch mit E. Katzenstein, der begeistert an einem Kinderstück arbeitete. Als er jedoch dem Theater 15 Seiten eines Märchens vorlegte, war er enttäuscht und beleidigt, weil man ihm vorschlug, zusammen mit dem Regisseur noch einige Szenen hinzuzufügen. Das nahm der Autor nicht an und somit kam es auch diesmal zu keiner fruchtbringenden Partnerschaft.

Nach längeren Gesprächen mit der Leitung und einigen ruhelosen Nächten willigte Viktor Heinz dagegen 1986 ein, für das Theater einen Dreiteiler über die Geschichte der Russlanddeutschen zu verfassen. Mit diesem Vorschlag traf der junge Autor den richtigen Zeitpunkt: Mitte der 1980er- Jahre mit ihren politischen Veränderungen boten sich gute Chancen, dem Zuschauer über unser eigenes Leben zu erzählen und zusammen mit ihm Antworten auf die brennenden Fragen der Zeit zu finden.

Es handelte sich um ein Stück mit mehreren Bildern, die den Weg der deutschen Auswanderer nach Russland schildern sollten, sowie ihr Leben in der Autonomen Republik. Es sollte aber keine berauschende Story werden, die aus purer Liebe und ewigem Glück bestand, sondern eine ungeschminkte Schilderung des Schicksals eines ganzen Volkes. Im dritten Teil sollte die Auswanderung der Russlanddeutschen aus den postsowjetischen Staaten nach Deutschland behandelt werden.

Der damals aktuellen Frage „WARUM?“ wurde besondere Aufmerksamkeit geschenkt, weil wir alle noch fest an die Wiederherstellung der ehemaligen Wolgarepublik glaubten… Das Ensemble stürzte sich an die Arbeit und schon sehr bald kam der erste Teil der Trilogie „Auf den Wogen der Jahrhunderte“, auf den wir alle sehr stolz waren, auf die Bretter.

Wer sich in der russlanddeutschen Theatergeschichte auskennt, weiß, dass am Akademischen Staatlichen Deutschen Theater in Engels 1934 die Inszenierung „Franz Kraft“, die ebenfalls die Geschichte der Deutschen in Russland erzählt, großen Erfolg hatte. Geschaffen wurde das Stück von dem „sowjetdeutschen“ Dramatiker Andreas Saks und dem deutschen Emigranten Karl Weidner. Es bestand aus acht Bildern „aus dem Leben und Kampf der Wolgadeutschen“, begann mit der Ausreise unserer Vorfahren aus Deutschland und war dem fünfzehnten Jahrestag der ASSR der Wolgadeutschen gewidmet.

Die Inszenierung wurde in mehreren Orten der Wolgadeutschen Republik gespielt und beide Autoren Saks und Weidner wurden laut Beschluss des Präsidiums des Zentral-Vollzugskomitees der Republik mit tausend Rubeln prämiert. Ich kann nicht mit Sicherheit bestätigen, dass Viktor Heinz seine Idee bei ihnen „abgeguckt“ hat, aber dass er für sein monumentales Werk von keiner Regierung gewürdigt wurde, dass wissen heute alle.

Zur im März 1989 veranstalteten Theaterwoche lud das Theater Gäste aus allen Regionen des Landes ein – Journalisten, Schriftsteller, Lehrer, Studenten, Mitarbeiter der Deutschen Botschaft in Moskau sowie Theaterleute aus der DDR. Darunter auch unsere Fans: Viktor Schnittke, Waldemar Weber, Wendelin Mangold, Ewald Katzenstein, Hermann Arnhold und natürlich Viktor Heinz, dessen Werk auf dem Spielplan der Woche stand.

Den Besuchern wurde ein umfangreiches Programm geboten, darunter auch die Inszenierung von „Auf den Wogen der Jahrhunderte“, auf die unsere Gäste besonders gespannt waren. Während der Besprechung waren sich alle einig, dass es „ein großartiges Theater war und dass sie noch lange unter dem Einfluss des Gesehenen stehen werden“. Außer Heinz wusste keiner der Anwesenden, welch eine schwierige Geburt die Inszenierung war, welchen Aufwand es gebraucht hat, so ein Stück zu meistern. Aber darüber sprach er nicht, er sagte nur ganz bescheiden: „Ich war nur der Knecht. Das Theater hat mir den Floh in den Pelz gesetzt. Nun heißt es für mich – durchhalten.“

Das mit dem „Durchhalten“ hatte Viktor Heinz sehr ernst gemeint, als Schriftsteller hatte er ein Werk geschrieben, das seiner Ansicht nach, tadellos und bühnenreif war. Während der Proben aber kamen haufenweise Änderungen hinzu, es wurden neue Szenen entworfen und ganz andere Linien gezeichnet. Erst als es mit den Proben zu Ende ging, merkte er, dass der Unterschied zwischen der ersten und letzten Variante seines Werkes ganz erheblich war. Seine Entscheidung bereute er jedoch nicht und arbeitete schon fleißig am zweiten Teil „Menschen und Schicksale“, der ihm nicht weniger Kraft und Ausdauer kostete als der erste Teil.

Jahrelangen Erfolg hatte das Theater mit der Aufführung einer Dorfhochzeit unter dem Titel „Hab oft im Kreise der Lieben“, verfasst von der russlanddeutschen Autorin Irene Langemann, die gemeinsam mit dem Regisseur Alexander Hahn mit diesem Thema eine Brücke zwischen der Gegenwart und den volkstümlichen Traditionen der Russlanddeutschen schlug.

Auch Solotheaterstücke nach Werken der russlanddeutschen Autoren Konstantin Ehrlich („Nachklänge jener Jahre oder Der Beginn einer Biografie“, gelesen von Peter Warkentin) und Karl Schiffner („Ballade von der Mutter“, gelesen von Jakob Köhn) standen lange auf dem Spielplan.

Die Theaterwoche 1989 war in jeder Hinsicht gelungen; unsere Gäste hatten die besten Gelegenheiten, das Theater und seine Aufführungen zu erleben, sich mit den Schauspielern und der Leitung auszutauschen, über den Spielplan zu diskutieren und über die künftige Zusammenarbeit zu sprechen. Und genau das war das Ziel dieses aufwendigen Unternehmens.

Das Beispiel von Viktor Heinz und anderer russlanddeutscher Autoren zeigte, dass die Zeit gekommen war, das Theater nicht nur zu kritisieren, sondern mit ihm zusammenzuarbeiten, seine Probleme zu verstehen und gemeinsam neue Themen auf die Bretter zu bringen. Darin waren sich nun alle einig. Was blieb, war die Frage nach dem Sinn eines deutschsprachigen Theaters, dessen Zuschauer in der Mehrheit eine russische Simultanübersetzung brauchten.

Dieses Problem war aber nicht einfach zu lösen, doch die Hoffnung auf staatliche Hilfe blühte erneut auf und alle glaubten fest daran, dass der muttersprachliche Deutschunterricht an den Schulen sowie die allgemeine gesellschaftliche Umgestaltung dazu beitragen würden, diese Situation zum Positiven zu verändern.

In Erinnerung an die damalige Festwoche schrieb später Viktor Schnittke: „Die Festspiele am Deutschen Theater in Temirtau waren nur Entdeckung und Wiederfinden eines kostbaren Teils unserer gemeinsamen Vergangenheit und Gegenwart. Das Theater führt uns zusammen und gibt uns ein Stück unseres Erbes zurück, das wir in schweren Stunden für endgültig verloren hielten…“

Münster, 2020



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