Der kleine Bettler (31.05.2020)


 

K. Kucharenko

 

Dies ist die wahre Geschichte eines jungen Russlanddeutschen in den schwierigen Zeiten des Zweiten Weltkrieges. Geboren 1932 in der Ukraine am Dnjepr, verlor er 1938 als Folge der von Stalin angeordneten Repressalien gegenüber den als „Faschisten“ verschrienen Russlanddeutschen seinen Vater und wurde 1941 mit Mutter und Geschwistern nach Sibirien zwangsumgesiedelt. Um das Überleben für sich und seine Familie zu sichern, war er gezwungen, betteln zu gehen.

Seine letzten 20 Jahre lebte er in Lippstadt.

Der Winter 1941 war sehr kalt. Tiefer Schnee bedeckte das kleine sibirische Dorf Jelban: die Häuser, die angrenzenden Scheunen, die schiefen Zäune, die wenigen kahlen Bäume. Alles schien wie in den Schnee eingesunken. Wilde Schneestürme hatten Tag und Nacht über dem gottverlassenen Dorf getobt und hohe Schneewehen hinterlassen, die nicht selten bis zu den Hausdächern emporragten. Mächtige Schneewehen hingen wie Schirme großer Zauberpilze von einigen Dächern herab.

Der Tag war gerade angebrochen, der hohe Himmel klar, und die kalte Wintersonne feierte ihr prächtiges glänzend-funkelndes Fest, wobei sie Tausende leuchtender Funken im Schnee weckte. Der unerträglich starke Frost verschärfte sich noch bei Sonnenaufgang.

An diesem Sonntagmorgen war die breite Dorfstraße ganz leer. Nur eine kleine einsame Gestalt schleppte sich langsam von einem Haus zum anderen. Der kleine Paul war an diesem kalten Morgen als Bettler unterwegs. Er blieb vor dem einen oder anderen Haus stehen, konnte sich aber nicht überwinden hineinzugehen. So war es immer: Der Anfang war am schwersten. Er traute sich nicht anzuklopfen und vor jedem Haus sagte er sich, erst beim nächsten würde er es versuchen. Draußen war es aber sehr kalt und ungemütlich. Selbst die Dorfhunde hatten sich vor der Kälte irgendwo in Scheunen oder unter den Haustreppen versteckt.

Der Junge versuchte immer wieder seine vom Frost starren, roten Hände in die Manteltaschen zu stecken, aber die Taschen waren nicht tief genug und die Ärmel seines Kindermantels viel zu kurz. Er hatte Hunger. Gestern Mittag hatte er zum letzten Mal etwas gegessen, und zwar eine dünne Kartoffelsuppe, die Mama aus den letzten zwei Kartoffeln gekocht hatte.

Gestern Abend, als er vor Hunger nicht einschlafen konnte, hatte er sich flüsternd mit der Mutter über den Vater unterhalten. Der hatte vor seiner Verhaftung 1938 in der Kolchos in einem Laden gearbeitet. Paul erinnerte sich noch gut, wie er als ganz kleiner Junge dem Vater abends freudig entgegenlief, wenn der aus seinem Laden nach Hause kam. Wie schön es war, auf Papas Schultern bis in den Hof getragen zu werden! Der Vater hatte auch immer etwas für die Kinder in seinen Taschen: Honigplätzchen Zuckerwürfel Bonbons. Und jetzt wusste die Familie nicht einmal, wo der Vater war und ob er überhaupt noch lebte. Keinen einzigen Brief, keine Nachricht von ihm. Ob er ahnte, wie schlecht es seiner Frau mit den Kindern hier in Sibirien ging?

Mit diesen Gedanken kam der kleine Bettler zum nächsten Haus. Paul sah hellen Rauch aus dem Schornstein hoch in den Himmel aufsteigen und wusste, dass hier nicht nur geheizt, sondern auch gekocht wurde. Die alte Russin, die in diesem Häuschen wohnte, kannte der Kleine schon. Er stellte sich vor, wie sie in dem heißen Ofen Essen zubereitete. Sie hatte wahrscheinlich auch heute etwas für ihn übrig. Ein zaghaftes Lächeln huschte über sein verfrorenes Gesicht. Er stand noch eine Weile vor dem engen Pfad, der bereits vom Schnee freigeschaufelt war und zur Hausschwelle führte. Auch wusste er, dass der Hund in der Nähe sein musste. Meist war Scharik ganz freundlich und friedlich, aber das konnte sich bei einem Tier schnell ändern. Heute hörte Paul nur ein harmloses Knurren unterhalb der Treppe. Wahrscheinlich war es dem Hund zu kalt, sich von seinem warmen Platz zu rühren.

Schnell fegte der Kleine den Schnee von seinen großen besohlten Filzstiefeln und ging in den kleinen Vorraum des Hauses. Er lehnte die Haustür hinter sich an, ertastete im Dunkeln die nächste, die in die einzige Wohnstube führte, und klopfte an. Mit einer großen weißen Dampfwolke trat er ein.

Ganz verfroren stand er da und freute sich, ins Warme zu kommen. Er streckte seine Hand aus und seine Lippen, die ihm kaum gehorchten, baten wie üblich: „Подайте, Христа Ради!“ - „Um Gottes Willen, geben sie mir bitte etwas zu essen!"

Die alte Frau kannte den Jungen schon. Er tauchte von Zeit zu Zeit in ihrem Haus auf, und sie gab ihm jedes Mal etwas zu essen mit. Manchmal bekam er auch eine warme Mahlzeit. Irgendwie war ihr der stille Junge sympathisch, und heute freute sie sich sogar über sein Kommen, denn heute war für sie ein ganz besonderer Tag: Gestern hatte ihr der Postbote einen Brief von ihrem jüngsten Sohn von der Front gebracht. Mehrere Monate hatte sie kein Lebenszeichen von ihm erhalten und das Schlimmste befürchtet. Aber jetzt wusste sie, dass ihr Liebling, ihr Sohn, lebte! Das war ein Grund zu feiern. Sie hatte für heute Nachmittag ein paar Nachbarinnen eingeladen, und ein Berg von Pfannkuchen duftete und dämpfte bereits im Ofen.

"Komm, Kleiner, setz dich an den Tisch. Aber vorher musst du dem lieben Herrgottchen danken!"

Auch in anderen Häusern musste er beten, bevor man ihm etwas zu essen gab. Aber beigebracht, wie man zu dem russischen Herrgott betete, hatte ihm diese gute Frau. Er zog die große Mütze vom Kopf, starrte die Ikone in der heiligen Ecke an und bekreuzte sich dreimal mit tiefer Verbeugung.

Wenn sie zu Hause mit Mama vor dem Essen oder vor dem Schlafengehen beteten, falteten sie nur die Hände. Aber wenn der strenge russische Gott, der von der Ikone schweigend auf ihn herabschaute, das Bekreuzigen lieber mochte, so tat er das gerne.

Er durfte sich auf eine Bank setzen, die direkt am Ofen stand, und lehnte seinen Rücken an die warme Ofenwand. Wohltuende Wärme umarmte den durchgefrorenen Jungen - es war so schön und ruhig bei dieser alten Frau. Nur seine Hände, die heute starr vor Kälte geworden waren, taten noch weh: Es schien ihm, als ob Tausende feiner Nadeln die Finger durchbohrten, aber er wusste, dass auch dieses unangenehme Gefühl bald vorbei sein würde. Ohne ein Wort zu sagen, sah er, wie die Frau einen Becher warmer Milch vor ihn auf den Tisch stellte, dann holte sie einen flachen Teller, legte ein paar der noch heißen, im Ofen warmgestellten Pfannkuchen darauf, und stellte sie ihm hin.

Trotz seines großen Hungers beschloss er, nur zwei davon aufzuessen und die anderen mit nach Hause zu nehmen. Die heißen, fettigen Pfannkuchen schmeckten aber so gut, dass er nicht bemerkte, wie der Teller leer wurde.

Die Alte sah sein verlegenes Gesicht, lächelte verständnisvoll und ging in die Speisekammer. Sie kam mit einer Schüssel Kartoffeln zurück, die sie in seinen Bettelsack schüttete, schnitt dann noch ein großes Stück Brot ab, wickelte es in eine alte Zeitung ein und legte es dazu.

Paul war überglücklich, heute in kein anderes Haus mehr gehen zu müssen. Das, was er im Sack hatte, würde für einige Tage ausreichen. Eigentlich hätte der Kleine nach diesem köstlichen Mahl noch in weitere Häuser betteln gehen sollen. Er fühlte sich jedoch so wohl bei dieser fremden alten Frau, die so freundlich zu ihm war, dass ihm davor graute, in die Kälte hinausgehen zu müssen. Desto mehr freute er sich, als sie sich zu ihm setzte und ein Gespräch mit ihm begann. Obwohl er nicht zum ersten Mal hier war, wusste die Frau nicht viel von ihm. Sie wusste nur, dass er der Sohn einer deutschen Frau war. Im Spätherbst 1941 hatte die Kolchosverwaltung mehrere deutsche Frauen vom Bahnhof Novosibirsk ins Dorf gebracht und als Untermieterinnen in Häuser gesteckt, ohne zuvor die Dorfbewohner um Erlaubnis zu fragen. Nur weil ihr Häuschen sehr klein war, war die Alte von Untermietern verschont geblieben.

Diese deutschen Frauen, die man im Dorf Faschisten-Frauen nannte, waren mit ihren Kindern und ohne ihre Männer hierhergeschickt worden. Sie sprachen mehr Ukrainisch als Russisch, und das sehr schlecht, und waren auf sich selbst angewiesen. Die meisten besaßen nichts, mussten alleine für sich und ihre Kinder sorgen und sehen, wie sie überlebten. Sie gingen von Tür zu Tür und boten ihre Arbeit an: Sie putzten, wuschen und bügelten Wäsche, halfen das Vieh versorgen, taten jede schwere Arbeit, auch Holzhacken, nur um etwas zu essen zu verdienen, um ihre Familien nicht verhungern zu lassen. Aber auch für die russischen Menschen waren es nicht die besten Zeiten, und es war nicht einfach für die Fremden, hier im kleinen Dorf Arbeit zu finden. Deswegen mussten deutsche Kinder aus den ärmsten Familien betteln gehen.

Niemand im Dorf wusste genau, woher diese Deutschen kamen und wo ihre Männer geblieben waren. Es gab Gerüchte, dass die Männer an der Front an Hitlers Seite kämpften. Die Alte konnte sich aber kaum vorstellen, dass der Vater dieses armen Kindes im Krieg gegen ihre beiden Söhne kämpfte.

Sie fragte und fragte und der Junge erzählte seine Geschichte:

Sein Familienname war Neufeld, er war neun Jahre alt und seine Familie stammte aus der Ukraine. Dort war der Winter nicht so kalt wie hier in Jelban und auch nicht so schneereich. Im Sommer waren sie oft mit der ganzen Familie zum Dnjepr baden gegangen. Ihr schönes Haus stand nicht weit vom Ufer des breiten Flusses entfernt. Es war groß und hatte mehrere Zimmer. Ein großer Obst- und Gemüsegarten befand sich hinter dem Haus.

Zwei Jahre war er zur Schule gegangen, deswegen konnte er auch besser als die Mutter Russisch sprechen; lesen und schreiben konnte er auch schon. Er hatte bereits mit Mamas Hilfe einen Brief an seinen Papa geschrieben, aber immer noch keine Antwort erhalten. Als Papa abgeholt wurde, war der Kleine noch nicht eingeschult.

An den schlimmen Tag, den 1. Februar 1938, als sein Vater verhaftet wurde, konnte er sich noch genau erinnern: Es war an Mamas Geburtstag. Die ganze Familie kam an dem Abend zusammen, sogar die verheirateten Schwestern waren mit ihren Männern zu Besuch. Es war so schön gewesen, am großen Tisch beisammen zu sitzen. Mama hatte aus dem alten Gesangbuch vorgelesen und mit den älteren Kindern Lieder gesungen. Es wurde viel erzählt und gut gegessen, denn Mama hatte wie üblich viel gekocht und gebacken. Plötzlich wurde es ganz still am Tisch. Man hörte, wie jemand von draußen die Fensterläden zumachte, und zwar alle drei gleichzeitig. Vater wurde blass im Gesicht und alle schauten gebannt zur Tür. Mama nahm schnell das von den Sowjets verbotene, alte Gesangbuch, steckte es in die Kaffeekanne, die fast leer auf dem Tisch stand, und machte schnell den Deckel wieder drauf.

 

Der Vorraum hallte von lauten Schritten wider, und schon sprang die Tür von einem heftigen Schlag knallend auf. Drei Männer kamen in die Großstube.

Selbst den Kindern war bewusst, dass es keine wohlmeinenden Gäste waren. Der Familie wurde schnell klar: Die waren hier, um Vater abzuholen.

Stumm sah die Familie zu, wie die Männer das ganze Haus durchsuchten; sie drehten jedes Bett um, prüften jedes Kissen, warfen den Inhalt der Kommodenschubladen auf den Boden und schauten in jede Ecke hinein.

Keiner der Familie wusste, wonach sie suchten. Einer der Männern, den der kleine Paul des Öfteren bei Vater im Laden gesehen hatte, nahm das neue Spielzeug des Jungen von der Wand, ein Geschenk des Weihnachtsmanns, trat näher an das Kind heran und fragte mit bösem Lächeln: "Sag mal, Paul, wen sollst du mit dieser Flinte umbringen? Habt ihr es mit deinem Vater schon besprochen? Hat er dir genau erklärt, auf wen du schießen sollst?"

Der Kleine versteckte sich hinter Muttis Rock, dachte aber dabei: „Weiß der Onkel denn nicht, dass das keine echte Flinte ist?“ Nachdem die Männer das ganze Haus auf den Kopf gestellt und nichts Verdächtiges gefunden hatten, befahlen sie dem Vater mitzukommen.

Draußen war es kalt, und der Vater zog sich wärmer an. Paul bemerkte mit Staunen, wie Vaters Hände zitterten - er konnte seine Hose nicht einmal zuknöpfen. Schließlich bat er seine Tochter Anna, ihm zu helfen. Die Männer machten sich lustig über ihn: Er habe zu viel Wein bei der Geburtstagsfeier der Frau getrunken.

Als der Vater dann so weit war, verabschiedete er sich von seiner Familie. Keine Erklärung, keine Antwort auf die Fragen: "Wohin? Wie lange muss er weg?" hatten die weinende Frau und Kinder erhalten.

Nur eines hatten die Männer erwähnt: Ihr Vater werde verdächtigt, Mitglied einer profaschistischen Organisation zu sein. Sie schrien ihn auch ein paar Mal mit den Worten "Feind des sowjetischen Volkes" an - und das war das Schlimmste, was einem passieren konnte -, obwohl der Vater nicht die geringste Ahnung hatte, was die Männer von ihm wollten und worüber sie sprachen.

Sie nahmen den Vater in ihre Mitte und verschwanden mit ihm in der dunklen Februarnacht. Der Vater verschwand für immer.

Nur noch ein einziges Mal sollte der kleine Junge seinen Vater sehen. Ganz kurz und nur von Weitem, als man die zwanzig verhafteten Männer aus dem Speicherhaus, wo man sie eingesperrt hatte, herausführte und auf einen LKW steigen ließ, um sie in die Stadt Saporoshje ins Gefängnis zu bringen. Den Abtransport der Gefangenen verfolgten damals sehr viele Menschen. Es war so grausam, dass Paul heute nur noch von der Mutter weiß, dass sein Vater wie die meisten anderen Männer seiner weinenden Frau und den Kindern zurief: "Ich bin unschuldig. Ich komme bald wieder nach Hause!"

Neun Monate später, am 13.November 1938, wurde der Vater erschossen, was die Familie aber erst im Sommer 1991 erfuhr.

Mit großem Interesse verfolgte die alte Russin die Geschichte des kleinen deutschen Jungen. Sein Vater war also, genauso wie ihr eigener Bruder, 1938 in einem Gefängnis verschwunden - ohne Briefwechselrecht, wie es damals im Gerichtsurteil stand. Seitdem hatte keiner etwas von ihm gehört. Die Vermutungen, dass die Männer der deutschen Frauen gegen die Russen kämpften, waren Gott sei Dank falsch! Diese fremden Frauen hatten sehr viel durchmachen müssen wie so viele aus dem russischen Dorf Jelban in den Jahren 1937 und 1938. Und aus ihrer Heimat hatte man diese armen Familien auch noch vertrieben.

Sie saß da und dachte darüber nach, wie sie das alles ihren Freundinnen heute noch erzählen würde und freute sich, dem kleinen Paul und seiner Familie bei dem Wenigen, was sie selbst zum Leben hatte, geholfen zu haben.

Wieder war der kleine Bettler auf der Dorfstraße. Inzwischen stand die Sonne schon höher am Himmel und die furchtbare Kälte hatte nachgelassen. Diesmal eilte er nach Hause und freute sich unbeschreiblich.

 

 

 

 



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